Der Eisenwarenhändler im Unterholz. Neil Youngs “Ragged Glory”

30 Mai

“Underrated NY album for sure” schrieb irgendwo ein einsilbiger YouTube-Kommentator über Neil Youngs hier über den grünen Klee zu lobendes 1990er Album “Ragged Glory”, das er mit Crazy Horse aufnahm. Und Recht hat er. In der Diskographie Youngs würden viele wohl eher andere Alben preisen, für mich ist es eindeutig die zerklüftete Pracht dieser monströsen Gitarrenschlacht. Neil Youngs Versuch, den Hörer direkt mit dem Auftakttrack “Country Home” auf die irreführende Country-Fährte zu locken, misslingt schon nach wenigen Minuten, weil er schon hier nicht an sich halten kann und mit seiner Gitarre auf Abwege gerät. Auf wunderbarste Weise mäandert sich Youngs Gitarre fortan durchs Unterholz und das verrückte Pferd trottet brav und unbeeindruckt hinterdrein.

Kristall-Lüster in der STATION Berlin

Die Stücke dieses Albums erreichen mit Leichtigkeit 8, 10, 12 Minuten und wenn der göttliche Krach und das Gerumpel am Ende der Stücke sacht im Wetterleuchten der Rückkopplungen und Übersteuerungen ausklingen, fleht man wimmernd um Zugabe. Die Young’sche Gitarre erzählt erst ganz einfache Geschichten, die man fast trivial nennen möchte – so wie auf “Over and Over” – um einen dann gnadenlos psychedelisch wegzukicken. Man wälzt sich wohlig auf smoothigen Klangtepppichen, es jault und jammert so schön, dass man in dem Moment beginnen könnte, ein Buch zu schreiben. Young, der verschrobene Eisenwarenhändler, zeigt auf “Ragged Glory” auf ganz wunderbare Weise, dass zu einem guten Rock-Album vor allem eines gehört: Leidenschaft. Und die Einsicht, dass Prunk erst dann richtig zur Geltung kommt, wenn er ein bisschen abgerissen daherkommt. So wie ein Kristalllüster in einer einsturzgefährdeten Industriehalle.

In Seattle – da bin ich sicher – haben einige Leute 1990 dieses Album ziemlich intensiv gehört.

 

Schlagworte: , ,

Evonik setzt dem Meister ein Denkmal

22 Mai

Sie haben es wieder getan. Die magischen iPad-Magazin-Bastler von Evonik haben dem frischgebackenen Double-Sieger BVB wieder ein fantastisches Denkmal gesetzt. In der Essener Konzernzentrale weiß man offensichtlich, was man dem Imageträger aus Dortmund als Hauptsponsor schuldig ist. Schon im vergangenen Jahr gab es eine hervorragende Ausgabe des hauseigenen Evonik-Magazins als Sonder-Meisterausgabe, die ihresgleichen suchte. Und in diesem Jahr setzen die Magazin-Macher noch eins drauf.

Screenshot Evonik-App

 

Ein bisschen schlucken muss man ja schon: Satte 900 MB muss man saugen, um die Double-Ausgabe komplett aufs Tablet zu ziehen. Dafür gibt’ s dann für den geneigten BVB-Fan die volle Dröhnung, z.B. einen wirklich großartig animierten Saisonrückblick, jede Menge integrierte Videos, einen virtuellen Rundgang durch die BVB-Umkleidekabine, hochwertige Portraits in Bild und Text. Zu den Autoren gehört unter anderem der bekennende BVB-Verrückte Freddie Röckenhaus von der Süddeutschen.

Nicht nur, wenn es darum geht, sich mit erfolgreichen Sponsoring-Maßnahmen zu schmücken, gehört das für das iPad umgesetzte Evonik-Magazin zum Besten, was man überhaupt in diesem Bereich finden kann. Selbst Profi-Magazine wie “Wired” stellt das Evonik-Magazin meiner Meinung nach locker in den Schatten. Ich habe bisher noch kein Corporate-Publishing-Produkt gefunden, das ein Print-Magazin besser in die iPad-Welt übertragen hätte. Man spürt die Lust der Macher, die spezifischen Möglichkeiten eines Tablet-Magazins voll auszureizen und sich für jeden Beitrag etwas Neues, Außergewöhnliches einfallen zu lassen. Realisiert wird das Magazin von der “Redaktion 4, GmbH” in Hamburg. Ein Name, den man sich merken sollte.

 

Schlagworte: , , , , , , , ,

Pokalfinalus Interruptus

17 Mai

Das Bild des Abends lieferte der Sportsender Sky. Gerade war eines der atemberaubendsten Pokalendspiele der jüngsten Zeit abgepfiffen worden und junge Dortmunder Spieler liefen jubelnd und mit riesigen schwarz-gelben Fahnen ausgestattet durchs weite Rund des Berliner Olympiastadions, da blendete Sky seine unglückselige Expertenrunde ein. Es gehört seit einiger Zeit zu den unergründlichen Besonderheiten dieser Expertenrunde, dass sie immer auf dem Fussballfeld platziert wird. Sommers wie winters sitzen mehr oder weniger honorige Herren – es sind immer und ausnahmslos Herren – an einem halbrunden Expertentisch und diskutieren entweder das Spiel, das gleich noch stattfinden finden wird oder das Spiel, das gerade eben stattgefunden hat. Das ist manchmal putzig, selten unterhaltsam, meistens aber brunzdumm.

Spielertunnel Signal Iduna ParkAm vergangenen Samstag nun, nach dem Ende des Pokalendspiels zwischen Borussia Dortmund und Bayern München, wechselte die Kamera von den feiernden BVB-Jungspunden unmittelbar zur Griesgram-Runde am Spielfeldrand. Dort saßen: In sich zusammengesunken und irgendwie omifiziert wirkend, mit selbsttönender Sonnenbrille und einem zu einem schmalen Strich zusammengepressten Mund der Kaiser himself. Sodann Harald Schmidt, der sich scheinbar den ganzen Abend lang selbst darüber zu amüsieren schien, dass nun ausgerechnet er fussballexpertendämlich am Tische sitzen und nach Herzenslust inhaltslos vor sich hin schwafeln durfte. Zu seiner Rechten schien Ottmar Hitzfeld damit beschäftigt, seinen offenbar in luftige Höhen treibenden Blutdruck kraft seiner Gedanken einfangen zu wollen. Zumindest wirkte er so wie ein vom Verbandspräsidenten jahrelang gedisster und von der Boulevardpresse gehänselter Chefcoach nach dem Verlust der Weltmeisterschaft in der 94. Minute. Ganz rechts gab Jens Lehmann den scheinbar coolen Trenchcoat-Experten, der allerdings klammheimlich mit der Frage beschäftigt zu sein schien, ob er des Kaisers selbsttönende Sonnenbrille stehlen und damit weglaufen solle. Nebst einem blassen Sky-Moderator, der sich im späteren Verlauf der Groteske nicht entblödete, den Kaiser zu fragen, ob er einen BVB-Schal umlegen wolle, und ansonsten enttäuscht zu sein schien, dass man seiner dumpf-bräsigen Runde noch nicht einmal ein paar Bierduschen verpassen wollte.

Dieses Bild nun bot sich dem enthusiasmierten BVB-Fan, der sich eigentlich an jubelnden Spielern delektieren wollte. Ein Pokalfinalus Interruptus sozusagen. Die Szene wäre eigentlich kaum einer Erwähnung wert, symbolisierte sie nicht in idealer Weise, dass das durchritualisierte deutsche Fußballübertragungsexpertentumgetue komplett in Münchner Hand ist. Anders lässt sich die unterirdisch schlechte Laune, die von der Runde ausging, nicht erklären. Nun ist es ohnehin eine Beleidigung durch Sky, wenn es den Kaiser als neutralen Experten zu Spielen mit Bayern-Beteiligung lädt, zur Qual wird es vollends, wenn der dem BVB zugeneigte Zuschauer ausschließlich mit der Ursachenforschung konfrontiert wird, warum die Bayern denn nun so schlecht waren. Dass das faszinierende Spiel so eindeutig ausgefallen war, könnte ja auch damit zusammenhängen, dass eine überragend aufspielende Mannschaft auf dem Platz gestanden hatte. Doch darüber wollten die Experten nicht reden.

Das alles ist symptomatisch. Kaum jemandem scheint aufgegangen zu sein, was sich in den vergangenen zwei Jahren wirklich im deutschen Fußball verändert hat. Das, was der BVB seit zwei Spielzeiten demonstriert, ist nichts anderes als das definitive Ende des Fußballs, wie wir ihn bisher kannten. Dass die Bayern seit nunmehr fünf Begegnungen gegen den BVB keinen Stich mehr bekommen haben, hat nichts mit der Schwäche der Bayern zu tun. Es hat ausschließlich damit zu tun, dass sie nicht in der Lage und Willens sind, zu analysieren, wieso der BVB immer besser ist. Direkt nach den Niederlagen haken sie immer alles ganz schnell ab und gehen zur Tagesordnung über. Mia san mia. Ein folgenschwerer Fehler. So werden sie nie dahinter kommen.

Der BVB hat alles abgestreift, was in der Vergangenheit deutsche Fußballerbeine schwer machte. Dümmliche Leitwolf-Phantasien Erich Ribbeck’scher Provenienz, Berti Vogt’sche Verkniffenheit, taktische Allerweltsweisheiten à la Otto Rehhagel. Der BVB hat zwei Jahre lang unglaublich intelligent Fußball gespielt – von einigen unerklärlichen Auftritten in der CL mal abgesehen. Während der ganze Rest der Liga noch auf dem Niveau von Waldis EM-Club kickte, übte sich der BVB längst im filigranen intellektuellen Florettfechten des Philosophischen Quartetts. Die unergründlichen Laufwege des Kagawa Shinjii, die kompromisslose Ubiquität des Manni Bender, die robuste Rastlosigkeit des Robert Lewandowski, der nie versiegende Ideenüberschuss des Mario Götze, die majestätisch-erhabene Raumsicherheit des Mats Hummels. Das BVB-Spiel ist facettenreich und komplex. Und es braucht ein bisschen mehr als ein paar schwatzhafte Ex-Fussballer, um es zu verstehen und einem Millionenpublikum unterhaltsam zu vermitteln.

Ja, die mies gelaunten Experten im Berliner Olympiastadion müssen es instinktiv gespürt haben: sie können die Schönheit und Größe des BVB-Spiels noch gar nicht fassen und beschreiben. Deshalb reden sie immer über die Bayern. Die spielen den Fußball von gestern. Den verstehen sie.

Schlagworte: , , , , , ,

Das Ohr des Automechanikers

26 Apr

Jeder lebt in seiner Welt. Die Tennisspieler in der Welt des Tennis, die Priester in der Welt des Glaubens, die Lehrer in der Welt der Schule. Selbst, wenn man ein weltoffener Mensch ist und die Antennnen immer auf Empfang gestellt hat, bleibt man doch meistens dem verbunden, mit dem man sich tagsüber in der Regel beschäftigt. Man wird – ob man will oder nicht – ein wenig blind für die Vielfalt der Welt. Und doch ist es so: Es passiert alles gleichzeitig, es passiert alles jetzt, in diesem Moment. Der Tennisspieler trainiert seine Vorhand, der Priester gibt die letzte Ölung, der Lehrer erklärt.

Vor einigen Tagen suchte ich eine Autowerkstatt auf. Der dumme Wagen ging während der Fahrt einfach immer aus. Eine Lösung musste her, aber eine nicht allzu teure. Die Phantasiepreise der Vertragswerkstätten war ich nicht bereit zu zahlen. Also suchte ich eine kleine, aber kompetente Autowerkstatt mit dem speziellen Charme und den kleinen Preisen. Gar nicht weit weg, im Schatten der A 42, irgendwo im Niemandsland von unerforschten Ruhrgebietsstadtteilen, wurde ich auf einen Schilderwald mit Hinweisen auf eine Autowerkstatt fündig. „HU/ASU hier“. Außen ein rostiger Eisenzaun, dahinter bestürzende Enge, eine windschiefe Halle. Durch blinde Fenster lugen. Aufkleber aus 40 Jahren Automobilgeschichte. Verwitterte Autoveteranen, ohne Nummernschild, dicht an dicht. Halbherzig die wacklige Klinke drücken. Drinnen Schummerlicht, Hebebühnen, Ölfässer, Stoßstangen, Dieselgeruch, ein Azubi im zu weiten Blaumann, ein Faktotum dreht sich eine Zigarette mit Bantam-Tabak, ein Vorarbeiter mit Baseballkappe. An ihrem Schirm haben sich dunkle Schweißrändern gebildet.

Autowerkstatt

Foto: Jan Sonnabend

Jeder lebt in seiner Welt. Ich: iPad-Welt, die hier: Öl-Welt. Ich erkläre mein Problem, Schweißrand-Cap führt mich ins Büro. An der Tür steht „Büro“ und „Nur Barzahlung“, drinnen angemörftes 70er-Mobiliar, Chaos-Schreibtisch, ein Super-Sonderangebot: „Römer Kindersitz, wie neu, 120 Euro“. Unter dem Schreibtisch eine schmutzige Kinder-Plastik-Parkgarage der Marke Wader, an den Wänden Zertifikate für Abgas-Spezialwissen in altdeutscher Schrift. Ölige Enge, einige Leitz-Ordner, Autoradios gestapelt, Ölkännchen, ein Kaffeeautomat. Vorherrschende Farbe: ein bräunliches Grau-Braun-Grau.

Erst mal ein Kaffee, es ist Mittagspause. Schweißrand-Cap fragt mit „Hallöchen“-Singsang telefonisch die Ersatzteil-Preise für eine Mitsubishi-Stoßstange ab. Ich checke derweil am Smartphone meine Facebook-Einträge. Nach der Mittagspause kommt Leben in die kleine Werkstatt. Hebebühnen qieken auf und ab, Motoren heulen auf, es wird gehämmert. Dann endlich beschäftigt sich ein Mechaniker mit meinem Auto. Aha – ein Messgerät wird angeschlossen, das die Elektronik nach Fehlern durchforstet: Auch im Land, wo Öl und destilliertes Wasser fließen, geht nichts mehr ohne moderne Elektronik. Wie zur Bestätigung dieser These lädt das Messgerät erst mal minutenlang ein Firmware-Update.  Dann irgendwann spricht das Elektronik-Orakel sein Urteil: 0 Fehler.

Hm, wir sind so schlau als wie zuvor. Wieselflink hechtet sich der untersetzte Mechaniker aus dem alten Golf, umkreist den Wagen und versenkt dann seinen Kopf fast zur Gänze und für einige Minuten im tuckernden Motorraum. Er lauscht der einzigartigen Wolfsburger Symphonie. Er lauscht weiter, hantiert an Leitungen und Kabeln herum und ruft zwischendurch den Azubi sich:

„Manni, ich brauch mal Dein Ohr!“ – Manni kommt.

„“Hörste dat?“ – Manni lauscht.
„Ja.“

„Kommt dat von da oder von da?“

Manni zeigt auf die Stelle, wo sein Ohr das Geräusch verortet.

Nach einigen Minuten dann die messerscharfe Analyse. Drosselklappe blabla, verdreckt blabla, säubern blabla, 150 Euro.

Es war nicht die elektronische Wunderwaffe aus Stuttgart, es war das geschulte Ohr des Ölverschmierten aus Altenessen, das die Lösung fand. Wir vertrauen unser Leben immer mehr der Elektronik an, doch die kann nur Standard. Wir verlassen uns immer mehr darauf, dass uns elektronische Geräte durchs Leben leiten, aber die haben keine Ohren und keine Erfahrung. Manchmal wünschte ich, wir würden uns wieder mehr auf unsere Sinne, unsere Erfahrungen, unser Gefühl verlassen.

Einen Tag später fuhr ich das reparierte Auto wieder nach Hause. Ich fuhr zurück in meine Welt der Tastaturen, Touchscreens, Clouds, Bits. Ich mag meine Welt. Und doch dachte ich voller Wehmut an den kleinen Mann aus jener Welt, in der man Fehler noch hören kann.

Schlagworte: , ,

Über das Private

23 Apr

Kaum ein Begriff ist so schillernd unscharf wie der der “Privatsphäre”. Für die alten bürgerlichen und medialen Eliten ist er so etwas wie ein zentraler Kampfbegriff gegen die Verteidiger transparenter Netze und die radikalen Fürsprecher demokratischer Wandlungsprozesse. Für die Sanften und eher Ängstlichen ist er der letzte Schutzwall gegenüber vermeintlich rücksichtlosen Versuchen totaler gesellschaftlicher Überwachung. Kritiker der Privatsphäre sehen in ihm vor allem ein elitäres Abschotten.

Doch was ist nun eigentlich das Private? Gemeinhin verstehen wir darunter einen individuellen Rückzugsort, der für eine wie auch immer geartete Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Es sei denn, das Individuum entscheidet aus freien Stücken, das Private zu öffnen. Das Private ist ein Ort der Unabhängigkeit, an dem man Überzeugungen, Obsessionen, Neigungen nachgehen kann, ohne rechenschaftspflichtig zu sein.  Das Private ist ein luxuriös-hoheitlicher Bereich der Autonomie, welches das Individuum vor unerwünschten externen Behelligungen schützt.

Das Private ist Glücksversprechen und Einsamkeitshölle zugleich. Denn das Private ist mit seinem unbedingten Anspruch, Autonomie zu gewähren, nicht nur Schutzwall, sondern womöglich auch Hürde. Der Mensch als soziales Wesen ist auf Interaktion und Geselligkeit ausgelegt. Das Private schließt das nicht aus, aber es stellt die Interaktion unter spezielle, jederzeit individuell veränderbare Regeln. Das Private neigt eher zu Geheimnis und Egozentrik als zu Transparenz und Konsens. Das Private hat oftmals mit Besitz, Einfluss oder Macht zu tun. Es ist wendig und robust. Es schürt nicht selten Misstrauen oder Argwohn.

In den aktuellen Diskussionen um die Frage, wie sehr soziale Plattformen und Webanwendungen die Privatsphäre ihrer Nutzer verletzen und wie sehr überhaupt Dienste und Angebote von Web-Unternehmen die privaten Freiheiten beeinträchtigen, wird die Ambivalenz der Privatsphäre viel selten berücksichtigt. Privatsphäre ist für ihre Verfechter immer ein unumschränkt positiver Wert, die im besten Sinne selbstvergessene Verortung des Individuums im Sozialen wird hingegen nicht selten als fahrlässiges Verhalten denunziert. Das Bekenntnis zu Teilhabe, Transparenz oder Offenheit wie es sich in sozialen Plattformen ausdrückt, geißeln Kritiker als egozentrische Selbstentblößung, charakterschwache Wichtigtuerei oder wahlweise auch als groben Unfug. Mag sein, dass diese Vorwürfe auf einige sogar zutreffen. Wer wollte abstreiten, dass da draußen eine Menge Kretins unterwegs sind?

Aber für die meisten Anderen mag wohl eher zutreffen, dass sie einfach nur nach Interaktion streben. Die  Diskussionen um die Privatsphäre gehen insofern am eigentlichen Thema vorbei, als die selbstlose Interaktion in sozialen Netzen sich eben nicht in den Kategorien von Besitz, Eigentum oder Autonomie vollzieht. Diese Netze heißen nicht ohne Grund „sozial“ und ihr Kern ist das „Teilen“. Wer etwas teilt, gibt immer auch etwas von sich ab: Das ist das Wesen und die unbedingte Voraussetzung des Teilens. Öffentliches Reden, Streiten oder Meinen ist ein hohes Kulturgut, das sich die Menschen über viele Jahrtausende erkämpfen mussten.

Es wird wohl nie in verbohrte Datenschützerhirne dringen, dass Bloggen oder Twittern auch ein Akt bürgerlichen Selbstbewusstseins sein können. Wir rühmen die westliche Welt als Hort der Freiheit und warnen zugleich die Träger und Nutznießer dieser Freiheit ständig vor freier öffentlicher Rede? Wie weit ist es her mit unserer Freiheit und Demokratie, wenn es schon als gefährlich gelten soll, Fotos, Gedanken, Ideen mit der Welt zu teilen?

Man gemahnt uns zur Vorsicht. Die Preisgabe allzu vieler privater Daten mache uns unter Umständen zur leichten Beute dunkler Mächte. Nach Datenschützer-Logik ergibt sich ein absurdes Bild: Diejenigen, die freie Rede, nie gekannte Möglichkeiten der Interaktion und den unbeschränkten Zugang zum Weltwissen ermöglichen, sollen zugleich die bösen Buben im Spiel sein. Hinter der freundlichen Oberfläche verbergen sich die gräßlichen Fratzen der Macht und der Ausbeutung? Google als Stasi, Facebook als Großer Bruder?

Die allgegenwärtige Aufforderung, das Private besser zu schützen, ist nichts anderes als der Versuch, demokratisch-freiheitlichem Denken einen biedermeierlichen Keuschheitsgürtel anzulegen. All jenen, die so eifrig auf die Wahrung ihrer Privatsphäre pochen, sei gesagt: Das Private ist kein geeigneter Ort, um Freiheiten zu verteidigen. Freiheiten wurden immer auf den Straßen verteidigt, nicht in den Wohnstuben.

Schlagworte: , , , , ,

Meine Abenteuer mit der F.A.Z.

19 Jan

Ich gebe auf, denn ich kann nicht mehr. Ich habe alles gegeben, aber der Wächter lässt mich einfach nicht ein. Ich habe Stunden um Stunden verbracht, habe gemailt, telefoniert – vor allem telefoniert – , ich habe mich wirklich bemüht, aber der Eingang bleibt vor mir verschlossen.

Dabei ist mein Ansinnen eigentlich ein Alltägliches. Es sollte eigentlich binnen Minuten erledigt sein, und alle Beteiligten könnten glücklich bis ans Ende ihrer Tage leben. Weit gefehlt: Die weithin gerühmte Qualitätszeitung F.A.Z. auf dem iPad zu lesen ist mir nicht vergönnt. Dabei ist mein Fall gar nicht so ungewöhnlich. Mein Arbeitgeber bezieht mehrere F.A.Z.-Abos und in Kombination mit einem dieser Abos möchte ich das vergleichsweise kostengünstige e-Paper-Angebot nutzen. Denn ich lese die Zeitung vor allem im beruflichen Kontext.  Das bekommt die ehrwürdige Zeitung aber nicht hin. Eine kurze Zeit lang konnte ich zwar tatsächlich die Zeitung auf dem iPad lesen, aber dann erhielt ich irgendwann die gesalzene Rechnung, nämlich ohne den kombinierten Abo-Rabatt. Was folgte waren quälende Vormittage in der Hotline der F.A.Z., Gespräche mit immer freundlichen und hilfsbereiten, aber oft ahnungslosen Hotline-Mitarbeitern, Kundennummer- und Auftragsnummer-Orgien, die ständige Versicherung, jetzt sei alles in Ordnung und ich könne mich problemlos einloggen … Nein, nichts war in Ordnung. Nirgendwo konnte ich mich einloggen, immer blinkten Fehlermeldungen, immer waren meine dargebotenen Kundennummern, Auftragsnummern, Passwörter oder Anmeldennamen wahlweise falsch oder unbekannt. Zwischenzeitlich schickte die Zeitung Mahnungen, worauf wieder Anrufe nötig wurden und die abermalige Zusicherung, jetzt habe man aber alles eingerichtet.

Dann kam der Tag des heldenhaften Hotline-Mannes, des Möglichmachers, des unerschrockenen Kämpfers im Namen der Kundennummer, der nur sagte: “Oh, das ist aber unübersichtlich! Aber das kriegen wir hin!” Ja, Hoffnung keimte in mir auf, im gramgebeugten Fast-FAZ-Leser  glomm noch ein Fünkchen Leben, müde hob ich die bleischweren Lider: Sollte da draußen wirklich noch echtes Leben sein? Ja, der Hotline-Held hauchte seinen lebensspendenden Odem aus, und siehe da: es ging! ES GING! 

Ich konnte F.A.Z. auf dem iPad lesen! Es kam die richtige Rechnung! HURRA! Doch, ach, die Freude währte nicht lange. Denn ein Jahreswechsel stand an. Ja, ein Jahreswechsel, der offensichtlich verheerende Wirkung auf das Kundennummer- und Auftragsnummer-Management der F.A.Z. hat. Ich bin wieder unbekannt. Ich bin wieder ein Niemand. Die iPad-App erkennt mich nicht mehr. Alle Nummern-, Anmeldenamen- und Passwort-Kombinationen fruchten nichts: Man will mich nicht. Und es ist mir gleichgültig: Sollen sie ruhig hunderte von Euro in Rechnung stellen, ich werde mich nicht mehr rühren. Ich bin ein gebrochener Leser. Ein nachhaltig geschädigtes Hotline-Opfer. Das Wort “Auftragsnummer” verursacht mir Schmerzen.

Nur eines bereitet mir in lichten Momenten hin und wieder ein wenig Freude. Dann richte ich mich schwerfällig auf, geblendet von dem schmalen Sonnenstrahl, der durch die nicht ganz geschlossenen Fenstervorhänge fällt, und blinzle lächelnd vor mich hin: Von allen Zeitungs-Apps, die ich jemals auf dem iPad las, ist die der F.A.Z. mit Abstand die Schlechteste.

Schlagworte: , , , ,

Zwischen allen Stühlen

11 Dez

Ein kurzes Fazit zum Forum Wissenschaftskommunikation 2011.

Odysseum Köln, 6. 12. 2011

Das „Forum Wissenschaftskommunikation“ (FWK) stand in diesem Jahr (6. bis 8. Dezember 2012 in Köln) erstmals unter einem Motto: „Zwischen den Stühlen. Wissenschaftskommunikation im Spannungsfeld von Politik, Gesellschaft und Wissenschaft“. Ich hatte als Mitglied der Programmkommission frühzeitig darauf gedrungen, das Forum unter ein Oberthema zu stellen. Denn schließlich schwebt Wissenschaftskommunikation nicht im freien Raum, sondern ist vielfältigen Prozessen unterworfen, entwickelt sich weiter, streift Altes ab und begegnet neuen Aufgaben. Um so wichtiger ist es, dass sich die Schar derer, die sich professionell mit der Kommunikation von Wissenschaft beschäftigt, nicht bloß einmal im Jahr irgendwo trifft, um die immer gleichen Probleme zu diskutieren, sondern das eigene Tun im Licht der oben beschriebenen Prozesse reflektiert. Ein jährliches Treffen wie das FWK bietet die Möglichkeit, zu überprüfen, wo „die Wissenschaftskommunikation“ steht, ob und wie sie sich weiter entwickelt.

Die eigentliche Frage, auf die das diesjährige Motto zielte, war die Frage nach den Chancen und Hindernissen der Profession. Wie professionell können eigentlich Kommunikatoren sein, die sich beispielsweise eigentlich längst im Web tummeln müssten, aber ständig von Chefs ausgebremst werden, die noch immer in ihren alten Papierwelten leben? Wie können Kommunikatoren eigentlich auf den rapiden Bedeutungsverlust der herkömmlichen (Print-)Medien reagieren, wenn Sie doch im eigenen Hause immer noch am Umfang des Pressespiegels gemessen werden? Was bedeutet die Digitalisierung von Kommunikationsprozessen? Wie stark wandelt sich das Berufsbild des Presseprechers oder Öffentlichkeitsarbeiters und was bedeutet das für die Kommunikationsformen und -instrumente, die ihm zur Verfügung stehen?

Ein großes Feld also, das auf dem Forum hätte beackert werden können. Doch nur wenig von all diesen interessanten Themen schien beim Forum wirklich auf. Schon die Auftaktvorträge ließen fast alles zu wünschen übrig. Ranga Yogeshwar übte bei seinem Vortrag über die Medien-Berichterstattung zu Fukushima zwar scharfe Kritik an Medien und stellte die journalistische Kompetenz vieler Berichterstatter in Frage, doch letztlich war die Botschaft dann doch nur, was für ein pfiffiges Kerlchen dieser Yogeshwar dagegen doch ist. Für die Zuhörer barg dieser Vortrag dann höchstens die Einsicht, dass Massenmedien noch blöder sind als ohnehin vermutet, und dass – soweit auch nicht unbedingt etwas Neues – lieber der größte Quatsch über die Sender geht, bevor man erst einmal ordentlich recherchiert.

Einem nichtssagenden, inspirationslosen Beitrag aus dem Bundesbildungsministerium folgte dann der hochdekorierte Max-Planck-Forscher Ferdi Schüth, der die eigentlich spannende Aufgabe übernommen hatte, die Erwartungen der Wissenschaft an die Wissenschaftskommunikation zu skizzieren. Sein Vortrag war einer der Tiefpunkte des gesamten Forums und hätte in dieser Form auch gut in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts gehalten werden können. Schüth malte das Bild des gutmütigen, aber weltfremden Wissenschaftlers, der eigentlich keine Zeit und Lust hat, etwas anderes zu tun, als zu zu forschen. Kommunikatoren gestand er höchstens eine servile Rolle als Steigbügelhalter für die wissenschaftlichen Eminenzen zu. Wir kennen das: Pressesprecher, die an mehrseitige Pressetexte nur noch ein Schleifchen dranstricken dürfen, und das Ganze dann „den Medien“ verkaufen sollen. Reiner Korbmann hat in seinem Blog ausführlich über den Vortrag Schüths berichtet. Seiner Kritik ist nicht viel hinzuzufügen.

Ein weiteres Problem des diesjährigen Forums trat ebenfalls deutlich zu Tage: Den Großteil des Programms aus den Vorschlägen eines „Call for Papers“ zu bestreiten, ist langfristig keine gute Idee. Das Programm zerfaserte, zu viele eingereichte Beiträge gingen am Thema der Tagung vorbei oder streiften es nur gelegentlich am Rande. „Wissenschaft im Dialog“ als Veranstalter sollte in Zukunft meiden, es allen Recht machen zu wollen. Das führt zu Beliebigkeit und einem bedenklichen Absinken des Qualitätsniveaus mancher Sessions. Das Programm braucht deutlich mehr Struktur und thematische Bindung an das Zentralmotto. Zudem müssten die Themen und Personen der zentralen Vorträge und Sessions durch das Programmkomitee festgelegt bzw. ausgewählt werden.

Das Bedürfnis vieler Teilnehmer nach konkreten Hilfestellungen für die tägliche Arbeit könnte gut durch eine Workshop-Reihe parallel zum Hauptprogramm aufgefangen werden. Und all jene, die Aspekte vorstellen möchten, die etwas abseits der großen Themen liegen, könnten dies wunderbar in einer eigens eingerichteten „Speakers Corner“ tun. Dort wären dann alle frei, über das zu reden, was ihnen am Herzen liegt. Und alle anderen wären ebenso frei, zu entscheiden, ob sie sich das anhören mögen.

UPDATE, 12.12.2011, 14:30 Uhr:

Zwei interessante Blogposts zum FWK11 möchte ich allen Interessierten noch ans Herz legen:

Christoph Larssen: Monolog statt Dialog
Matthias Fromm: Shakehands, aber keine Kratzer am Prüfstein

Interessant auch noch mal zum Nachlesen ist der Twitter-Stream zum FWK11.

 

 

Schlagworte: , ,

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 857 other followers