So wünscht man sich einen Professor von heute. Ein spannendes Interview mit Carsten Rohlfs, Professor an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und Experte für Schulpädagogik und Methoden der Bildungsforschung.
Ein Gespräch über die Zwangsveranstaltung Schule und die Bildungsbegeisterung von Migranten, das offenbar vorhandene Bedürfnis nach Disziplin und nach einfachen Antworten auf Probleme, das Lernen von guten Beispielen und den Selektionsmechanismus Schule, der Begabung auch zerstören kann.
Carsten Rohlfs sagt: “Das Problem ist, dass die Schule eine Zwangsveranstaltung ist. Schüler finden Leistung und Erfolg gar nicht so uncool. Für die meisten ist es ganz, ganz wichtig.”
Carsten Rohlfs über den Lernort Schule
28 NovKindle, oder: Die Essenz des Lesens
28 NovNeulich beim Renovieren wurde es mir wieder schmerzlich bewusst. Es war sozusagen physisch spürbar: Bücher zu besitzen ist Unsinn. Man stellt sie sich jahrelang, sogar jahrzehntelang ins Bücherregal und würdigt sie doch keines Blickes mehr. Oder nur dann, wenn man gerade wieder einmal renoviert.
Ich kann mich überhaupt an kein Buch erinnern, das ich zweimal gelesen hätte. Selbst meine Lieblingsbücher habe ich nach einmaliger Lektüre nie wieder angeschaut. Vielleicht sind sie auch nur deshalb meine Lieblingsbücher, weil ich sie in guter Erinnerung habe. Vielleicht fände ich sie nach abermaliger Lektüre und mit dem Abstand vieler Jahre langweilig, öde oder gar ärgerlich schlecht?
Zugegeben: Ich finde es beruhigend, dass manche Bücher im Regal stehen. Sie stehen für eine bestimmte Phase meines Lebens, manchmal für ein Lebensgefühl. Sie zeigen mir, dass ich eine Geschichte habe. Und genau das ist das Problem mit Büchern: Sie sind Projektionen unserer Wünsche, Erinnerungen und Träume. So ist es mit vielen Dingen, mit denen wir uns in unseren Wohnungen und Häusern umgeben. Sie sollen uns zeigen, dass wir leben.
Das ist auch bei der Musik der Fall. Bei den alten Vinyl-Platten, die wir im Keller lagern, weil wir längst keinen Plattenspieler mehr haben, aber sie trotzdem nicht wegwerfen können. Weil sie uns an unsere Jugend erinnern, an die erste Liebe oder an die wilde Studentenzeit. Selbst die noch relativ junge CD staubt schon in den Regalen vor sich hin, weil Musik heute auf unseren Festplatten und Abspielgeräten lagert. Was kommt eigentlich als Nächstes? Wir laufen durch die Wohnung, rufen der Großen Siri (oder wie auch immer sie heißen mag) einen Musiktitel zu und schon dröhnt es aus den Boxen?
Beim Buch ist es ja fast schon so. Seit ich mir jüngst ein preiswertes Kindle kaufte, kann ich der Großen Amazone einen Buchtitel zurufen und keine 15 Sekunden später hat sie es auf den Kindle gesendet. Unabhängig davon, ob es ein schmales Bändchen oder ein 700-Seiten-Schinken ist. In der digitalen Welt sind Wörter lediglich ein Massengut.
Man kann die Probe aufs Exempel machen: Wann immer man mit einem Menschen über das Lesen auf elektronischen Geräten spricht, fallen unweigerlich die Worte „Haptik“ und „Geruch“. Der herkömmliche Büchermensch will seine Bücher halt fühlen und riechen. Will Eselsohren hineindrücken oder Notizen hineinkritzeln. Und er will das Buch hinterher in sein Regal stellen und es besitzen.
So viel Liebe hält ein Kindle gar nicht aus. Dabei bietet er nichts anderes als das gedruckte Buch. Die Worte auf seinem Bildschirm ergeben denselben Sinn, erschaffen dieselbe Welt, erzählen dieselbe Geschichte. Aber ohne philosophischen Überbau. Ohne die Aura des Buches, das uns ständig zuraunt: „Liebe mich! Ehre mich! Besitze mich!“ Der Kindle hat derlei Anbiederung nicht nötig. Er tut das, was er soll: Er zeigt Buchstaben in der richtigen Reihenfolge an. Er ist ein nüchterner, diskreter Butler. Das Buch aber ist eine anspruchsvolle Adlige, die ständig im Mittelpunkt stehen will.
Der Kindle ist die Essenz des Lesens. Er lenkt uns nicht mit philosophischen Überhöhungen ab, sondern lässt uns unbehelligt lesen. Und er fordert nichts von uns: Bits sind geduldiger als Papier.
Vielleicht werde ich in 20 Jahren meinen alten Kindle aus dem Keller hochholen und versonnen in alten Texten blättern. Aber das ist eher unwahrscheinlich. Wie gesagt: Meine alten Bücher sind mir eigentlich gleichgültig. Wahrscheinlich blättere ich dann eher in einem opulenten Bildband oder in einem verführerischen Coffetable-Book, das nach allen Regeln der Buchdruckerkunst hergestellt wurde. Bücherregale werde ich nicht mehr haben. Nur noch ein ganz kleines. Darin stehen meine Lieblingsbücher, die ich zwar besitze, aber dennoch nie in die Hand nehme.
Alles andere wird der Geschichte anheimfallen.
Schmeißt Eure Pressemitteilungen weg!
19 SepMedien, vor allem die etablierten Online-Portale, sind austauschbar und oft belanglos. In ihrer Mut- und Ratlosigkeit schielen sie ausschließlich auf den Massengeschmack. Das ist die große Chance für die PR-Branche: Wer jetzt zum eigenen Sender wird, kann die richtigen Zielgruppen erreichen. Doch dazu gehören Mut und Ausdauer.
Zwischen Journalismus und PR verläuft nach wie vor ein tiefer Graben. Beide Sphären sind unmittelbar aufeinander angewiesen und dennoch ist das Verhältnis von viel zu hohen Erwartungen und falschen Hoffnungen geprägt. Besonders deutlich wurde das wieder auf dem diesjährigen „Kommunikationskongress“ des Pressesprecherverbandes in Berlin.
Schlagworte: BdP, Denkler, Kommunkationskongress, PR, Pressesprecher, süddeutsche
Kaurismäkis “Le Havre”
12 SepAki Kaurismäkis „Le Havre“ zählt für mich zu den besten Filmen, die ich dieses Jahr im Kino sah. Es ist ein kleines, sozialromantisches Märchen, das einem richtig gute Laune beschert. Eigentlich ist es ein Flüchtlingsdrama, denn es handelt von Idrissa, dem Jungen aus dem Gabun, der in einem Container illegal nach Frankreich kam und auf der Flucht vor den Behörden ist. Er will zu seiner Mutter nach London und eine ganze Schar anrührender Menschen aus dem Kaurismäki-Universum helfen ihm selbstlos dabei.
Schlagworte: ananas, kaurismäki, le havre, renault, salminen
Bauchentscheidungen
11 SepDie kleine Video-Reihe „Die kommenden Tage“, die ich mit dem Journalisten Timur Diehn für den Stifterverband produziere, hat jetzt noch einmal Zuwachs bekommen. Der renommierte Max-Planck-Forscher Gerd Gigerenzer gibt ein völlig unaufgeregtes und deshalb gerade – wie ich finde – umso interessanteres Interview.
Schlagworte: bauchentscheidungen, die kommenden tage, gigerenzer, intuition
Dreileben – ein TV-Experiment
4 SepDas große TV-Experiment „Dreileben“, das vor ein paar Tagen in der ARD lief, habe ich mir nicht am Stück angesehen. Es war mir, ehrlich gesagt, viel zu anstrengend, drei Filme á 90 Minuten hintereinander anzusehen. Ich habe die drei Stücke aufgezeichnet und dann peu á peu in der vergangenen Woche angesehen. Für mich waren alle drei Beiträge sehr überzeugende Filmkunst. Obwohl jeder Beitrag seine ganze eigene Handschrift trug und eine jeweils eigene Geschichte erzählte, verlor man als Zuschauer nie die Hintergrundgeschichte aus dem Auge. Für mich persönlich zählen die suggestiven Bilder des letzten Beitrags – „Eine Minute Dunkel“ – zu den Höhepunkten der Reihe. Stefan Kurt als vermeintlicher Sexualstraftäter Molesch wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben – eine großartige schauspielerische Leistung. Und dass die Regisseure gerade den Thüringer Wald für ihre beklemmend-schöne Trilogie wählten, wird den nicht verwundern, der schon einmal in dieser magischen Gegend war.
Schlagworte: ARD, dreileben, einsextra, einsfestival, stefan kurt, zdfneo
Oh Boy – Der Sommer von 1975
22 Aug
Ein paar Wochen lang bin ich im Sommer 1975 immer wieder zu diesem Plattengeschäft hingelaufen. Das heißt, es war eigentlich gar kein reines Plattengeschäft. Es war mehr der örtliche HiFi-TV-Händler, der nebenbei auch Schallplatten verkaufte. Der hatte die Single, die ich unbedingt haben wollte, im Fenster liegen: „Mud – Oh Boy“. Die waren mächtig angesagt in diesem Sommer, in England sogar die Nr. 1. Aber ich hatte lange Zeit nicht die notwendigen 6 Mark dafür. Doch dann – nach einem Besuch der im beifälligen Geldzustecken immer verlässlichen Tante aus Duisburg, hatte ich die Kohle endlich zusammen. „Oh boy“ war mein!
Oh, was für ein Schatz. Ich trug ihn aufgeregt nach Hause, stellte meinen „Mister Hit“-Plattenspieler auf 45 Umdrehungen ein und genoss das gute Stück. All zu lang dauerte das Glück allerdings nicht an. Ein verdammt kurzes Stück war dieses „Oh boy“, 2:53. Also gut, dann nochmal von vorne. Und noch mal. Jetzt waren knapp zehn Minuten vergangen. Vielleicht mal die B-Seite anhören? Ich weiß nicht mehr, was es war, aber es nicht der Knaller. Typisch B-Seite halt. Und um dieses kurze Vergnügen hatte nun mein gesamtes aktuelles Finanzvolumen wochenlang gekreist? Das außerdem zur Folge hatte, dass ich jetzt komplett pleite war.
Schlagworte: Compactcassette, Grooveshark, Ilja Richter, K-Tel, Mal Sondock, Mud, Quelle, Quintessenz, Spotify, Suzi Quatro, The Sweet, Universum, WDR, YouTube




