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Der gläserne Netzbürger? Über Verantwortung und Kompetenz im Internet

15 Feb

Wer sich in der Welt bewegt, setzt sich Risiken aus – das ist in der digitalen nicht anders als in der realen Welt. Trotz allem sind die Risiken, die im Web auf den scheinbar arglosen Nutzer warten, immer ein großes Thema im öffentlichen Diskurs. Wenn von Facebook die Rede ist, dann eigentlich immer nur im Zusammenhang mit Datenschutz oder der bedrohten Privatsphäre. Mit Google assoziiert heute kaum noch jemand die faszinierende Suchmaschine oder die innovative Webfirma, sondern nur noch die „Datenkrake“. Apple, einst sympathischer Underdog, der das verhasste Microsoft-Imperium herausforderte, ist heute die gierige Geldmaschine, die mit ihren geschlossenen Systemen und Gadgets die Nutzer entmündigt und alle Geschäftspartner nach Strich und Faden ausquetscht.

Ob all die Ängste, die Verschwörungstheorien, die Vorwürfe, die dunklen Ahnungen reale Grundlagen haben, weiß niemand so genau und schlüssig zu nachzuweisen. Immer aber steht die These im Raum, dass von diesen Unternehmen Gefahren ausgehen. Gefahren, vor denen sich der Internet-Nutzer schützen müsse. Gefahren, die sich irgendwann negativ auswirken werden, wenn man sie nicht ernst nimmt.

Normalerweise geht die Rede so: Was da am Ende auf uns wartet, sind nichts weniger als gigantische Oligopole, die jeden Winkel unserer Wünsche und Sehnsüchte erforscht haben, die wissen, was wir suchen und wünschen und die auch wissen, was wir suchen werden und in Zukunft begehren werden. Mächte, die jedes Wort mitlesen, das wir schreiben, die erforschen, wer unsere Freunde sind, die jeden Klick überwachen, unsere Bilder ansehen und auswerten, jede öffentliche Äußerung protokollieren und am Schluss dann Profile erstellen über unsere politischen Einstellungen, unsere Kreditwürdigkeit, über unseren Wert und unsere Prognose als Arbeitnehmer und als Konsument. Am Ende steht der vollständig berechnete Mensch. Und der Algorithmus wird zum Herrschaftsinstrument.

“Am Ende steht der vollständig berechnete Mensch.”

Es gibt wohl nicht wenige Menschen, die vor solchen Szenarien Angst haben. Die Intransparenz der Facebooks, Googles und Apples ist auch nicht gerade dazu angetan, abzuwiegeln oder zu beschönigen. Auf der anderen Seite gibt es auch keinen Grund, ohnehin schon verunsicherte Netzuser mit Horrorgeschichten aus dem Science-fiction-Arsenal sämtlicher Souveränität, Freude und Kreativität  im Umgang mit dem Web zu berauben. Aber eines ist klar: Die Zeit der Unschuld ist im Web schon lange vorbei. Wir müssen uns längst schon nicht mehr nur gegen Viren schützen, sondern gegen die allzu große Wissbegier derer, die uns ein angenehmeres Leben voller glücksverheißender Anwendungen auf technisch faszinierenden Geräten versprechen.

Doch wie soll man das tun, ohne gleich paranoid zu werden, ohne übertriebenen Sicherheitsfimmel, ohne gleich überall das Böse zu wittern? Was uns allen fehlt, ist eine Sozialisation, die uns einen lang eingeübten Umgang mit den Risiken im Netz vermittelt hätte. Denn irgendwie war es plötzlich da, dieses Web, und irgendwie mussten wir uns in ihm zurechtfinden. Niemand hat uns gezeigt, worauf wir achten müssen. Nur die Viren-Software-Hersteller haben es frühzeitig geschafft, unsere Aufmerksamkeit zu bekommen: Na klar, Viren, da sind wir Deutschen auf Zack und auf der Hut.

“Wir müssen lernen, dass Arglosigkeit fehl am Platz ist.”

Aber sonst? 120 Seiten Nutzungsbedingungen einer Web-Anwendung im feinsten Juristendeutsch klicken wir mal locker weg (wer sollte die auch ernsthaft lesen?), munter überall die Kreditkartendaten verteilen, die berühmten Party-Fotos bei Facebook posten, besoffen twittern, mal schnell einen Song aus einer dunklen Ecke saugen: Das alles machen eine Menge Leute locker aus der Hüfte mit der linken Maustaste, ohne sich großartig zu sorgen.  So schlimm ist das ja eigentlich auch alles gar nicht. Wie im echten Leben wollen die Leute es im virtuellen Leben auch mal ab und zu richtig krachen lassen.

Verständlich? Ja.

Vernünftig? Nein.

Nein, wir müssen lernen und unseren Kindern vermitteln, dass diese Art von Arglosigkeit fehl am Platz ist. Wir dürfen die Risiken nicht verharmlosen, aber die Gefahren auch nicht überhöhen. Das Web ist da und es ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel: Wir brauchen es. Aber wir dürfen nicht wie die Dorftrottel in ihm herumlaufen.

In der Konsequenz heißt das:

-   Nicht jeden Hype als Erster mitmachen. Erst mal schauen, welche Erfahrungen die Early Adopter machen.

-   Mit Daten geizen. Und: Niemand zwingt uns, immer der zu sein, der wir sind.

-   Den Überblick bewahren: Niemand muss in acht social networks gleichzeitig sein.

-   Ein bisschen Tech-Know-how kann nicht schaden: Die wichtigsten Funktionen im Browser sollte man schon kennen. Das kann jeder lernen.

Es gibt keine Alternative zum Web. Es sei denn, man nutzt es nicht. Aber das wäre widersinnig: Niemand verschmäht das Autofahren nur, weil es potenziell gefährlich ist. Aber Autofahren ist nur dann halbwegs sicher, wenn man vorausschauend fährt, umsichtig und mit einer gehörigen Portion Respekt. Also rein ins Web. Mit dem größten Vergnügen. Aber im Oberstübchen sollte immer ein bisschen Licht brennen.

Ein perfekter Alleskönner – Erfahrungen mit dem iPad

15 Aug

Die Aufregung um das iPad war groß – mittlerweile hat sie sich zum Glück ein bisschen gelegt. Zeit also für einen entspannten Blick auf einen faszinierenden Wegbegleiter in die digitale Welt.

Selten ist wohl so viel über ein Gadget geschrieben worden wie über das iPad. Seit Steve Jobs das sagenumwobene Teil im Januar 2010 vorstellte, brach ein unglaublicher Hype los. Und kaum noch zu halten waren die Medien – ob alt oder neu – als dann die ersten iPads im April über die Ladentische gingen.

Was man da zu lesen bekam, gab aber selten wirklich Anlass zur Freude. Es geschah das, was in Medien immer geschieht: irgendwelche Sensationen witternd, machen sich Journalisten auf, ihren Lesern, Hörern, Zuschauern die vermeintliche Sensation nahezubringen. Für die Berichterstattung über das iPad hieß das: in der aufgeheizten Atmosphäre berichteten schlecht informierte, zumeist fachfremde Journalisten über ein neues, in dieser Weise noch nie gesehenes Produkt. Da man aber als kritischer Journalist das Produkt niemals – NIEMALS – vollumfänglich loben oder gar richtig gut finden darf, bekamen wir Dinge zu lesen und zu sehen, die sehr lustig gewesen wären, wenn sie nicht gezeigt hätten, wie sehr der Journalismus auf den Hund gekommen ist. Denn was wir lasen, hörten und sahen war oftmals nicht mehr als oberflächliches Gemäkel, das – kritisch, kritisch – den iPad-Hype entlarven und zertrümmern sollte. Jeder mediokre Lohnschreiber war plötzlich ein IT-Experte. Und so sahen die Beiträge dann auch aus.

  • Der Bildschirm verschmiert ja, wenn man ständig darauf rumtatscht.
  • Es hat ja gar keine Kamera.
  • Es kann gar nicht drucken.
  • Man kann keine Videos damit anschauen.
  • Das ist ja viel schwerer als ein iPhone.
  • Im iBook-Store gibt‘s noch gar keine Bücher.

Diese Mischung aus irrelevanten Feststellungen und musterschülerhaftem Fingergeschnipse zog sich fast durchgehend durch die Berichterstattung. Ein Trauerspiel.

Mich allerdings focht das nicht an. Ich wollte dieses Ding haben. Von Anfang an. Sollten die doch alle schreiben und mäkeln, was sie wollten. Und so orderte ich direkt am Morgen des ersten Bestelltages im Apple Store ein iPad mit 64GB und 3G. Denn einerseits will ich das Teil auch auf Reisen nutzen und zum anderen brauche ich Platz für meine umfangreiche Musiksammlung und den einen oder anderen Spielfilm. Speicherplatz kann man also nie genug haben. Am 28. Mai war dann der große Festtag: Das iPad wurde pünktlich geliefert. Noch bevor es in den Läden greifbar war, hielt ich schon meins in den Händen. Hoch lebe die moderne Logistik-Industrie!

Was kann es denn nun, dieses iPad? Bereichert es den Alltag, ist es hilfreich, oder ist es nur ein überflüssiges Spielzeug für Leute mit zu viel Geld? Um vielleicht die letzte Frage direkt zu beantworten: Wenn es nur darum ginge, ob man etwas wirklich braucht, dann könnte man sich meisten Dinge wohl ohnehin schenken. Nein, darum geht es nicht. Beim iPad schon mal gar nicht. Denn niemand braucht ein iPad, aber es ist eine wunderbare Bereicherung. Und es zeigt auf eine neue Art, wie wir das Netz in Zukunft nutzen werden. Denn das Netz wird überall sein, auf eine geradezu selbstverständlich Weise. Wir werden es gar nicht mehr merken, dass es da ist und dass wir es nutzen.

Nachdem ich mein iPad in den ersten Tagen hütete wie meinen Augaupfel und es wie eine Monstranz herumtrug, liegt es heute meist irgendwo in der Wohnung herum. Derjenige, der es benutzt hat, lässt es einfach irgendwo liegen. Denn es ist ein sehr nützlicher Gebrauchsgegenstand. Während wir früher extra ins Arbeitszimmer gingen, um am dortigen PC oder Mac zu surfen, zu arbeiten oder zu spielen, liegt das iPad  einfach so auf dem Sofa herum. Es ist leicht, es ist handlich, und binnen Sekunden gestartet: mal schnell was googeln, E-Mails checken, ein bisschen flippern. Man mag einwenden, dass man so etwas auch mit einem kleinen Noteboook oder einem Smartphone haben kann. Vielleicht. Aber kein noch so cooles Notebook ist so einfach handhabbar wie das iPad und das Surfen auf dem iPad ist mit demjenigen auf dem iPhone einfach deutlich überlegen.

Hinzu kommt die spezielle Art, mit dem iPad zu arbeiten. Am Anfang ist es ein bisschen gewöhnungsbedürftig, keine Maus zu haben und direkt auf dem Bildschirm herumzufingern. Aber nach einer gewissen Zeit geht einem gerade dies in Fleisch und Blut über, so als wäre das die einzig richtige Art, sich im Web zu bewegen. Rein ergonomisch gesehen kommt das iPad den Fähigkeiten unserer Hände deutlich mehr entgegen als das enervierende Mausgeschubse am konventionellen Rechner. Nach längerem iPad-Gebrauch ertappe ich mich dabei, wie ich auch am iMac  versuche, direkt auf dem Bildschirm Dinge zu verschieben oder zu vergrößern. Das Schreiben auf der Bildschirmtastatur empfinde ich als sehr angenehm, allerdings muss man angesichts des hochempfindlichen Bildschirms schon sehr akkurat zu Werke gehen. Ein paar schöne Tricks beherrscht die Tastatur auch: Schiebt man den Finger beim Tippen auf einen Vokal ganz leicht nach oben hat man direkt den richtigen Umlaut erzeugt. Auf dieselbe Weise erzeugt man ein ß beim Tippen auf das s.

Viele Dinge machen mit dem iPad deutlich mehr Spaß als mit einem herkömmlichen Desktop-Rechner oder einem Notebook.  Das liegt an seiner speziellen Größe zwischen Smartphone und herkömmlichem Laptop. Schon oft habe ich neidische Blicke von Mitmenschen geerntet, die mit ihren klobigen Rechnern im ICE immer auf der Suche nach der nächsten Steckdose waren, während mein iPad-Akku locker 10 Stunden durchhält. Während Sie noch langwierig hochfahren, habe ich schon alle E-Mails gecheckt und fünf Tweets geschrieben.

Dass es das iPad auch mit 3G gibt, ist ein rechter Segen. Und wenn man nicht gerade ein Heavy-User ist, reicht meist auch ein kleiner Datenvertrag mit 200 MB Freivolumen, bevor dann auf GPRS abgedrosselt wird. Im Ausland nutzt einem das dann wieder sehr wenig, wenn man nicht bereit ist, die horrenden Roaming-Gebühren zu bezahlen. Da ist man dann froh über jedes „Free Wifi“, das einem als Goodie im Restaurant oder anderswo geboten wird (und man mal eben schnell den aktuellen „Spiegel“ runterladen kann).

Die Zahl wirklich guter Apps für das iPad ist nach meiner Einschätzung noch nicht sehr hoch. Meist handelt es sich um Adaptionen von iPhone-Apps und selbst dafür haben auch große Entwickler erstaunlich lange gebraucht. Hier stehen wohl ganz handfeste wirtschaftliche Überlegungen dahinter, denn trotz aller Verkaufserfolge des iPads ist das iPhone natürlich noch deutlich weiter verbreitet.

Interessant ist auch, dass die allerwenigsten Verleger es bisher geschafft haben, wirklich innovative iPad-Apps zu kreieren. Der „Spiegel“ müht sich redlich und gegen seine App ist auch nicht wirklich was zu sagen, außer vielleicht, dass sie noch ausbaufähig ist. Neben „Wired“ gibt es noch „The Iconist“ aus dem Hause Axel Springer, das Geschichten multimedial aufbereitet. Beide versuchen, die multimedialen Möglichkeiten des iPad zu nutzen. Viele bieten Apps an, die aber nicht mehr sind als die jeweilige Print-Ausgabe, wie z.B. „brandeins“ oder „Macwelt“. Das wird von Vielen kritisiert, aber es ist immer noch besser als gar nichts.

"Reeder" - einer der besten Clients für Google Reader

Doch wer braucht schon wirklich Zeitschriften? Wer die richtigen Quellen im Web anzapft, ist eigentlich immer bestens informiert. Nützliche Helfer wie „Google Reader“ helfen einem, die RSS-Feeds von Blogs und Medien zu organisieren. Doch damit es auf dem iPad richtig Spaß macht, seine RSS-Abos zu lesen gibt es Clients wie z.B. Reeder. Diese App präsentiert die abonnierten Feeds sehr übersichtlich und überaus ansprechend. Bookmarking-, Sharing- und Read-Later-Funktionen wie „Instapaper“ gibt es zusätzlich en masse. „Reeder“ ist zweifellos eine der besten Apps für das iPad.

Zu den richtig guten Apps gehört auch Flipboard, das es auf geradezu geniale Weise schafft, den eigenen Facebook- bzw. Twitter-Stream in Form eines ansprechenden Magazin zu präsentieren. Dazu werden Bilder und Videos aus geposteten Tweets oder Facebook-Updates in einfaches, aber dennoch ansprechendes Layout gepackt. „Flipboard“ ist so etwas wie eine individuelle Zeitschrift. Klasse gemacht und – völlig kostenlos. Wer gern Radio hört, bekommt mittlerweile eine ganze Reihe guter Apps, wie z.B. Radio.de, das eine geradezu endlose Vielfalt an Sendern und Stilen bietet. Aber auch kleinere Apps wie die WDR-App von Tobit-Software machen Spaß. Vielleicht noch ein Blick auf Spiele, obwohl ich hier nicht als Experte auftreten kann. Aber das Flippern mit Pinball HD kann süchtig machen. Fehlt eigentlich nur noch ein bisschen Kneipen-Atmo und jemand, der einem ab und zu ein frisches Bier bringt. Jedenfalls ist das Flippern für das iPad wie geschaffen.

"Flipboard" - Social Media in Magazin-Form

Das kontrovers diskutierte Fehlen von Flash auf dem iPad macht sich hin und wieder beim Surfen bemerkbar. Es ist ein schade, dass man das eine oder andere Video nicht sehen kann, aber so richtig nervig ist es dann auch wieder nicht. Man kann damit leben. Letztlich arbeitet die Zeit hier für Apple und seinen harten Anti-Flash-Kurs. Schon bald wird niemand mehr Flash eine Träne hinterher weinen.

Ob man wirklich umfangreiche Bücher auf dem iPad lesen will, kann wohl nur jeder für sich beantworten. Ich persönlich bin doch eher der Papierfreund. Ich brauche das haptische Erlebnis beim Romane-Lesen, den Geruch das Papiers und leise Rascheln beim Umblättern. Da mag das iPad gerade Letzteres zu kopieren versuchen: Ich lese letztlich halt doch auf einem spiegelndem Bildschirm. Aber ich will gar nicht ausschließen, in Zukunft auch mal ein Buch auf dem iPad zu lesen. Bei Sachbüchern könnte ich mir das noch am ehesten vorstellen. Im Moment allerdings stellt sich mir diese Frage ohnehin nicht. Denn fast alle meine Lieblingsautoren sind im Bookstore nicht zu bekommen. Ich weiß nicht so recht, welche Leser mit dem derzeitigen Angebot angesprochen werden sollen. Ich bin es jedenfalls nicht. Welche Politik die deutschen Verlage hier verfolgen, ist wohl noch sehr unklar. Ich bin gespannt, in welche Richtung sich dieser Markt entwickeln wird.

Und was ist nun das Fazit? Das iPad ist ein nahezu perfekter Alleskönner. Man nimmt es einfach gerne zur Hand, es weckt sofort den Spieltrieb. Wer viel in Sozialen Medien unterwegs ist, wird die komfortablen Apps schätzen. Fotos zu betrachten ist aufgrund des hervorragenden Displays ein Genuss, und auch Filmfreaks werden es lieben. Wünschenswert bleiben weitere App-Highlights wie Flipboard oder Reeder. Aber die – da bin mir ziemlich sicher – werden nicht lange auf sich warten lassen.

Google-Bashing als Symptom, oder: Deutsche Eliten 0.0

20 Mai
Deutsche Forscher und Entwickler glänzen wie eh und je in ihren angestammten Paradedisziplinen. Das Land exportiert so viele Produkte wie kaum ein anderes. Aber in der Welt des Internets ist die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt ein kleines Licht. Deutsche Eliten haben das Internet noch immer nicht verstanden. Das Land gerät hoffnungslos ins Hintertreffen und verliert sich in diffusen Datenschutz-Diskussionen.

Allenthalben wird die Klage geführt, es sei schlecht um Deutschlands Innovationsfähigkeit bestellt. Das Land investiere nicht genug in Forschung und Entwicklung, bringe nicht schnell genug neue Produkte hervor und drohe deshalb im internationalen Wettbewerb zurückzufallen. Den unbedarften Beobachter dürfte diese Klage verwundern. Ist doch dieses kleine Land im Herzen Europas mit seinen gerade mal 80 Mio. Einwohnern eine der erfolgreichsten Exportnationen in der Welt. Deutschlands Ingenieurkunst ist weltweit berühmt. „Made in Germany“ hat noch immer einen magischen Klang. Deutschlands mächtige Volkswirtschaft bringt Produkte hervor, deren Qualität über jeden Zweifel erhaben ist. Und dort – ausgerechnet dort – geht seit Jahr und Tag die Angst um, abgehängt zu werden? Ist das Jammern auf hohem Niveau? Die Angst des Klassenprimus, womöglich nur eine 2+ zu schreiben, statt der gewohnten glatten Eins?

Bei genauerem Hinsehen scheint Deutschland weniger dort gefährdet zu sein, wo es schon immer stark war: im Kraftfahrzeugbau, im Maschinenbau, bei der Entwicklung innovativer Werkstoffe oder in der Chemie. Die Gefahr besteht eher darin, dass man hierzulande auf eine fast fahrlässige Weise versäumt, das Betriebssystem des 21. Jahrhunderts sauber in Gesellschaft und Wirtschaft zu installieren: das Internet. Die wirtschaftlichen und politischen Eliten betrachten es verbreitet immer noch eher verächtlich als bloßes Medium, wahlweise auch als Spielwiese für digitale Spinner, bestenfalls als neue Einkommensquelle. Viele schwanken zwischen den Extremen: Erst unterschätzten sie Möglichkeiten des Webs, dann knüpften sie Heilserwartungen daran und wandten sich flugs wieder ab, weil diese sich nicht spontan erfüllten.

Foto: obs/Softlab Group

Die Eliten des Landes wissen mit dem Internet nichts anzufangen, sie haben nicht die Kompetenz, sein Potenzial auch nur annähern zu erahnen. Alles, was sie darüber wissen, kennen sie nur vom Hörensagen. Unternehmenslenker oder Spitzenpolitiker haben offensichtlich keine Zeit, das Web zu erkunden; sie lassen sich „das Wichtigste“ jeden morgen vorlegen: wofür hat man schließlich Personal?

Es passt nicht zum Selbstverständnis der deutschen Elitefachkraft, das Web auf eigene Faust zu erkunden, seine Mechanismen zu erlernen, seine Weite zu spüren. Die deutsche Elitekraft sitzt stattdessen in endlosen Meetings, grübelt auf Interkontinentalflügen über die Konzernstrategie oder pflegt seine Netzwerke in exklusiven Zirkeln. Das Internet hingegen spielt im Leben des deutschen Entscheidungsträgers kaum eine Rolle. Ex-Bundeswirtschaftsminister Michael Glos bekannte seinerzeit freimütig: „Ich habe Gott sei Dank Leute, die für mich das Internet bedienen.” Und so hat das heutige Polit-Spitzenpersonal natürlich auch Leute, die Twitter und Facebook „bedienen“, kaum jemand, der selbst zum Smartphone greift und die direkte Face-to-face-Kommunikation wagt. Und welcher Konzernlenker traut sich, ungeschützt Sätze von sich zu geben, die nicht von einer Armada übervorsichtiger PR-Strategen weichgespült wurde? Das Verlautbarungstheater der Eliten unterscheidet sich in Form und Funktion kaum von hoheitlichen Dekreten, ist gestelzt, umständlich, distanziert.

All das hat Folgen. Denn offensichtlich leidet die Innovationsfähigkeit Deutschlands nicht in den FuE-Laboren der Unternehmen, sondern auf ihren Führungsetagen. Hier hat man es seit vielen Jahren verschlafen, sich ernsthaft mit dem Internet zu beschäftigen. In der Welt der Computer und der Mikrochips spielt Deutschland international nur eine marginale Rolle. Fast jeder Deutsche sitzt heute vor einem PC oder Mac, aber weder die Hardware noch die verwendete Mainstream-Software stammt aus irgendeinem deutschen Entwicklungslabor. Peinlich ist es, wenn sich eine bis dahin vollkommen unbekannte deutsche Firma zum iPad-Killer aufspielt und auf einer grotesken Pressekonferenz mehr als das Gesicht verliert, wie es Neofonie kürzlich mit dem WePad tat.

Wie sehr Deutschland ins Hintertreffen geraten ist, lässt sich auch schön daran ablesen, dass sämtliche digitalen Supermächte – Microsoft, Apple, Google, Facebook und Amazon – US-amerikanische Firmen sind. Kein deutsches Unternehmen, das ihnen auch nur ansatzweise das Wasser reichen könnte. Das an sich wäre ja auch nicht unbedingt ein Grund zur Trauer. Allerdings lässt die Art und Weise, wie man sich in der deutschen Öffentlichkeit mit jenen Firmen auseinandersetzt, tief blicken. Google-Bashing gehört mittlerweile zum täglichen Brot eines deutschen Zeitungsredakteurs und wenn es so weiter geht wie bisher, wird es bald eigene Ressorts mit dieser Bezeichnung geben. Das wohl innovativste Unternehmen der Welt wird angefeindet, weil es nicht mit den moralischen Maximen und juristischen Ränkespielen des deutschen Provinz-Philistertums kompatibel ist. Die Hilflosigkeit, mit der man in Deutschland mit Googles Kopier- und Fotografier-Aktionen umgeht, ist auch nur wieder eine Folge der mangelnden Internet-Kompetenz in Deutschland. Der international hoffnungslos ins Hintertreffen geratene Ex-Export-Primus namens Deutschland muss erkennen, dass die Rahmenbedingungen, die bisher seinen Erfolg sicherten, sich radikal verändern.

Google-Logo

Foto: Alain Bachellier

Hierzulande ist man einfach gut darin, vor lauter moralischen Bedenken den Überblick zu verlieren. Der US-amerikanische Medienexperte Jeff Jarvis konnte sich bei seinem Vortrag auf der Bloggerkonferenz re:publica im April 2010 gar nicht mehr darüber beruhigen, dass sich die Deutschen einerseits um die Fotos ihrer Vorgärten im Internet sorgen, während sie gleichzeitig ihre edelsten Körperteile  in gemischten Saunen oder am FKK-Strand arglos zur Schau stellen. Die seltsam einhellige Koalition aus profilneurotischen Politikern, psychotischen Datenschützern und pfründeverteidigenden Journalisten lässt den Schluss zu, dass es beim Google-Bashing vor allem darum geht, das eigene Scheitern zu verdecken. Denn statt des unablässigen Lamentos über die angeblichen Unverfrorenheiten Googles könnten die deutschen Bedenkenträger es doch einfach besser machen. Aber dazu – und das weiß man hierzulande nur zu genau – ist man nicht in der Lage. Das ist ein ernüchternder Befund: Die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt ist ein Online-Zwerg.

Die Gründe dafür sind vielfältig und auch schon hinreichend fixiert: Es gibt zu wenige Investoren, die die mutig und langmütig genug sind, auf das Neue und das Risiko zu setzen. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase gibt es kaum noch nennenswerte Investitionen in deutsche Online-Projekte, deren unmittelbarer Erfolg nicht für jedermann sichtbar ist. Sicher spielt auch die gering ausgeprägte Gründer-Mentalität in Deutschland eine Rolle. Das fängt schon an den Hochschulen an: Wie sollen rücksichtslos durchs Studium gepeitschte Absolventen denn überhaupt an Ausgründungen denken? Mit Wissen vollgestopftes Lernvieh kann eben nicht zum findigen Entrepreneur mutieren. Sie finden zudem keine Geldgeber, sie finden im Umfeld ihrer Hochschule keine inspirierende Innovationskultur aus Start-ups, Grundlagenforschung und Finanziers. Geschichten wie die von Sergey Brin, Larry Page oder Mark Zuckerberg, die schon als Studenten gute unternehmerische Voraussetzungen und vor allem Investoren fanden, wird man so in Deutschland vergebens suchen.

Es ist eine vordringliche Aufgabe von Wirtschafts- und Wissenschaftspolitik, die Rahmenbedingungen für eine solche Innovationskultur zu schaffen.  Wir können uns schließlich nicht ewig darauf verlassen, gute Autos und Maschinen zu bauen. Unsere Eliten müssen endlich beginnen, das Internet zu verstehen. Das können sie  zwar nur selbst tun. Aber wir würden ihnen auch dabei helfen.

Ibrahim Evsan „Der Fixierungscode“ – Eine Buchkritik

13 Mai

Ein großer Graben tut sich auf: Zwischen glühenden Web-Verfechtern und den mahnenden Web-Verächtern. Während sich die einen in ihrer Rolle als affirmative Web-Bürger gefallen, verteufeln die anderen Google und Facebook als freiheitsgefährdenden Supergau. Ibrahim Evsans Buch „Der Fixierungscode“ baut eine Brücke.

Es ist die Zeit der großen Debatten. Es ist die Zeit, in der die alten Medien immer verbissener gegen die neuen Medien kämpfen – und umgekehrt. Plötzlich mutieren vormalige Lieblinge der Massen wie Google oder Apple – glaubt man den raunenden Auguren – zu bösen Mächten, die an der umfassenden Kontrolle und digitalen Unterwerfung eben jener Massen arbeiten. Fest geschmiedete Koalitionen aus Medien, Politikern und selbsternannten Datenschützern schüren mit steilen Thesen die Ängste des deutschen Michel, verunsichern ihn, nehmen ihm die Lust, die neue Welt zu erkunden.

Buchcover

Cover von "Der Fixierungscode"

Auf der anderen Seite die Respektlosen und Größenwahnsinnigen. Diejenigen, die keine Kosten und Mühen scheuen, die Welt da draußen auf den Bildschirm zu holen. Die sie abfotografieren und abscannen bis in den letzten Winkel der Welt, die sie erfassen, verschlagworten, rubrizieren, zugänglich machen. Wie unbekümmerte Gymnasiasten treten sie auf mit der Attitüde des kraftstrotzenden Jünglings, der die Welt erobern will: Begriffe wie Urheberrecht und Geistiges Eigentum kommen in ihrem Kosmos nicht vor. Denn diese gehören in die Welt des Analogen, in die Welt der Beamten und Juristen, in die Welt, in der schon auf ewig alles verteilt ist. Aber das neue gelobte Land des Digitalen ist noch nicht besetzt und lässt noch viel Raum für Abenteurer und Entdecker.

Und während sich also immer mehr Siedler dem Trek nach Digitalien anschließen, um die neue Welt zu erobern, bleiben die Anderen in der gewohnten Umgebung und warnen und mahnen. Dies ist – zugegeben etwas überspitzt – der Zustand, in dem sich Deutschland im Jahr 2010 befindet, wenn es um Fragen des Internets geht. Die Fronten sind verhärtet, zwischen Google-Bashing und Google-Apologese scheint kaum ein Weg.

Eine rühmliche Ausnahme bildet Ibrahim Evsan, ein Unternehmer, der als Gründer von „Sevenload“ sein Geld im Internet verdient hat und mit neuen Ideen („United Prototype“) immer noch verdient. Man könnte glauben, dass Evsan, der erfolgreiche Internet-Unternehmer, ein glühender Web-Verfechter sei, doch mit mit seinem Buch „Der Fixierungscode“, präsentiert er sich als Grenzgänger zwischen den vermeintlichen Gegenwelten. Jede Zeile seines Ende 2009 erschienenen Buches zeigt ihn als besonnenen und kritischen Geist, der Gefahren des Internets sehr realistisch einzuschätzen weiß, ohne in plumpe Polemik zu verfallen. Zugleich spürt man immer wieder die große Faszination, die das Web auf @ibo (wie er sich auf Twitter nennt) hat, ohne seinen kritischen Impetus zu korrumpieren. Ibrahim Evsan ist das Kunststück gelungen, ein Buch über das Web zu schreiben, ohne die üblichen Reflexe zu bedienen. Wir haben es hier mit einem grundehrlichen Buch zu tun, das seine Leser Ernst nimmt. Man glaubt es kaum, aber hier ist ein Autor, der nichts anderes will als über seine Erfahrungen zu berichten.

Porträt Ibrahim Evsan

Ibrahim Evsan

Und davon hat er reichlich. Ein Web-Experte, der erkannt hat, wie sehr uns die Codes der digitalen Welt fixieren, wie sehr sie uns lähmen können und – im Falle von Online-Spielen – hochgradig abhängig machen. Evsan weiß, wovon er spricht. Er hat sich selbst mehrere Monate in das Online-Spiel „World of Warcraft“ versenkt und es zählt wohl zu den berührendsten Momenten des Buches, in denen ein junger Erwachsener von seiner WoW-Sucht berichtet.

„Der Fixierungscode“ wendet sich an Leser, die nicht so souverän im Umgang mit den Möglichkeiten des Webs sind. Es zeigt seine Chancen und Gefahren auf, es gibt Orientierung für webferne Eltern, es hilft dem Unerfahrenen einzuschätzen, wo man Acht geben muss. Es verteufelt nicht, sondern unternimmt den Versuch, sachlich zu vermitteln, was vor sich geht: dass „digitale Supermächte“ (Evsan) wie Google sich durchaus zu einer bedrohlichen Größe entwickelt haben. Dass man als überzeugter Webbewohner nicht zum willfährigen Kretin mutieren muss, sondern als kritischer Webbürger auf „digitaler Selbstbestimmung“ beharren sollte.

Denn – so klug ist Evsan allemal – es nutzt ja nichts, dem Web trotzig den Rücken zu kehren. Es ist ja längst Teil unseres Lebens. Also müssen wir darauf beharren, dieses Leben, so gut es geht, selbst in die Hand zu nehmen. Wir müssen Google, Amazon oder Facebook nicht lieben, aber wir müssen lernen, als selbstbewusste Webbürger von ihnen zu profitieren, ohne sich ihnen auszuliefern.

Ibrahim Evsan: Der Fixierungscode. Was wir über das Internet wissen müssen, wenn wir überleben wollen. ZS Verlag Zabert Sandmann. 166 Seiten. 1. Auflage 2009. ISBN 978-3-89883-255-7. 16,95 €.

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