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Über das Private

23 Apr

Kaum ein Begriff ist so schillernd unscharf wie der der “Privatsphäre”. Für die alten bürgerlichen und medialen Eliten ist er so etwas wie ein zentraler Kampfbegriff gegen die Verteidiger transparenter Netze und die radikalen Fürsprecher demokratischer Wandlungsprozesse. Für die Sanften und eher Ängstlichen ist er der letzte Schutzwall gegenüber vermeintlich rücksichtlosen Versuchen totaler gesellschaftlicher Überwachung. Kritiker der Privatsphäre sehen in ihm vor allem ein elitäres Abschotten.

Doch was ist nun eigentlich das Private? Gemeinhin verstehen wir darunter einen individuellen Rückzugsort, der für eine wie auch immer geartete Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Es sei denn, das Individuum entscheidet aus freien Stücken, das Private zu öffnen. Das Private ist ein Ort der Unabhängigkeit, an dem man Überzeugungen, Obsessionen, Neigungen nachgehen kann, ohne rechenschaftspflichtig zu sein.  Das Private ist ein luxuriös-hoheitlicher Bereich der Autonomie, welches das Individuum vor unerwünschten externen Behelligungen schützt.

Das Private ist Glücksversprechen und Einsamkeitshölle zugleich. Denn das Private ist mit seinem unbedingten Anspruch, Autonomie zu gewähren, nicht nur Schutzwall, sondern womöglich auch Hürde. Der Mensch als soziales Wesen ist auf Interaktion und Geselligkeit ausgelegt. Das Private schließt das nicht aus, aber es stellt die Interaktion unter spezielle, jederzeit individuell veränderbare Regeln. Das Private neigt eher zu Geheimnis und Egozentrik als zu Transparenz und Konsens. Das Private hat oftmals mit Besitz, Einfluss oder Macht zu tun. Es ist wendig und robust. Es schürt nicht selten Misstrauen oder Argwohn.

In den aktuellen Diskussionen um die Frage, wie sehr soziale Plattformen und Webanwendungen die Privatsphäre ihrer Nutzer verletzen und wie sehr überhaupt Dienste und Angebote von Web-Unternehmen die privaten Freiheiten beeinträchtigen, wird die Ambivalenz der Privatsphäre viel selten berücksichtigt. Privatsphäre ist für ihre Verfechter immer ein unumschränkt positiver Wert, die im besten Sinne selbstvergessene Verortung des Individuums im Sozialen wird hingegen nicht selten als fahrlässiges Verhalten denunziert. Das Bekenntnis zu Teilhabe, Transparenz oder Offenheit wie es sich in sozialen Plattformen ausdrückt, geißeln Kritiker als egozentrische Selbstentblößung, charakterschwache Wichtigtuerei oder wahlweise auch als groben Unfug. Mag sein, dass diese Vorwürfe auf einige sogar zutreffen. Wer wollte abstreiten, dass da draußen eine Menge Kretins unterwegs sind?

Aber für die meisten Anderen mag wohl eher zutreffen, dass sie einfach nur nach Interaktion streben. Die  Diskussionen um die Privatsphäre gehen insofern am eigentlichen Thema vorbei, als die selbstlose Interaktion in sozialen Netzen sich eben nicht in den Kategorien von Besitz, Eigentum oder Autonomie vollzieht. Diese Netze heißen nicht ohne Grund „sozial“ und ihr Kern ist das „Teilen“. Wer etwas teilt, gibt immer auch etwas von sich ab: Das ist das Wesen und die unbedingte Voraussetzung des Teilens. Öffentliches Reden, Streiten oder Meinen ist ein hohes Kulturgut, das sich die Menschen über viele Jahrtausende erkämpfen mussten.

Es wird wohl nie in verbohrte Datenschützerhirne dringen, dass Bloggen oder Twittern auch ein Akt bürgerlichen Selbstbewusstseins sein können. Wir rühmen die westliche Welt als Hort der Freiheit und warnen zugleich die Träger und Nutznießer dieser Freiheit ständig vor freier öffentlicher Rede? Wie weit ist es her mit unserer Freiheit und Demokratie, wenn es schon als gefährlich gelten soll, Fotos, Gedanken, Ideen mit der Welt zu teilen?

Man gemahnt uns zur Vorsicht. Die Preisgabe allzu vieler privater Daten mache uns unter Umständen zur leichten Beute dunkler Mächte. Nach Datenschützer-Logik ergibt sich ein absurdes Bild: Diejenigen, die freie Rede, nie gekannte Möglichkeiten der Interaktion und den unbeschränkten Zugang zum Weltwissen ermöglichen, sollen zugleich die bösen Buben im Spiel sein. Hinter der freundlichen Oberfläche verbergen sich die gräßlichen Fratzen der Macht und der Ausbeutung? Google als Stasi, Facebook als Großer Bruder?

Die allgegenwärtige Aufforderung, das Private besser zu schützen, ist nichts anderes als der Versuch, demokratisch-freiheitlichem Denken einen biedermeierlichen Keuschheitsgürtel anzulegen. All jenen, die so eifrig auf die Wahrung ihrer Privatsphäre pochen, sei gesagt: Das Private ist kein geeigneter Ort, um Freiheiten zu verteidigen. Freiheiten wurden immer auf den Straßen verteidigt, nicht in den Wohnstuben.

Ibrahim Evsan „Der Fixierungscode“ – Eine Buchkritik

13 Mai

Ein großer Graben tut sich auf: Zwischen glühenden Web-Verfechtern und den mahnenden Web-Verächtern. Während sich die einen in ihrer Rolle als affirmative Web-Bürger gefallen, verteufeln die anderen Google und Facebook als freiheitsgefährdenden Supergau. Ibrahim Evsans Buch „Der Fixierungscode“ baut eine Brücke.

Es ist die Zeit der großen Debatten. Es ist die Zeit, in der die alten Medien immer verbissener gegen die neuen Medien kämpfen – und umgekehrt. Plötzlich mutieren vormalige Lieblinge der Massen wie Google oder Apple – glaubt man den raunenden Auguren – zu bösen Mächten, die an der umfassenden Kontrolle und digitalen Unterwerfung eben jener Massen arbeiten. Fest geschmiedete Koalitionen aus Medien, Politikern und selbsternannten Datenschützern schüren mit steilen Thesen die Ängste des deutschen Michel, verunsichern ihn, nehmen ihm die Lust, die neue Welt zu erkunden.

Buchcover

Cover von "Der Fixierungscode"

Auf der anderen Seite die Respektlosen und Größenwahnsinnigen. Diejenigen, die keine Kosten und Mühen scheuen, die Welt da draußen auf den Bildschirm zu holen. Die sie abfotografieren und abscannen bis in den letzten Winkel der Welt, die sie erfassen, verschlagworten, rubrizieren, zugänglich machen. Wie unbekümmerte Gymnasiasten treten sie auf mit der Attitüde des kraftstrotzenden Jünglings, der die Welt erobern will: Begriffe wie Urheberrecht und Geistiges Eigentum kommen in ihrem Kosmos nicht vor. Denn diese gehören in die Welt des Analogen, in die Welt der Beamten und Juristen, in die Welt, in der schon auf ewig alles verteilt ist. Aber das neue gelobte Land des Digitalen ist noch nicht besetzt und lässt noch viel Raum für Abenteurer und Entdecker.

Und während sich also immer mehr Siedler dem Trek nach Digitalien anschließen, um die neue Welt zu erobern, bleiben die Anderen in der gewohnten Umgebung und warnen und mahnen. Dies ist – zugegeben etwas überspitzt – der Zustand, in dem sich Deutschland im Jahr 2010 befindet, wenn es um Fragen des Internets geht. Die Fronten sind verhärtet, zwischen Google-Bashing und Google-Apologese scheint kaum ein Weg.

Eine rühmliche Ausnahme bildet Ibrahim Evsan, ein Unternehmer, der als Gründer von „Sevenload“ sein Geld im Internet verdient hat und mit neuen Ideen („United Prototype“) immer noch verdient. Man könnte glauben, dass Evsan, der erfolgreiche Internet-Unternehmer, ein glühender Web-Verfechter sei, doch mit mit seinem Buch „Der Fixierungscode“, präsentiert er sich als Grenzgänger zwischen den vermeintlichen Gegenwelten. Jede Zeile seines Ende 2009 erschienenen Buches zeigt ihn als besonnenen und kritischen Geist, der Gefahren des Internets sehr realistisch einzuschätzen weiß, ohne in plumpe Polemik zu verfallen. Zugleich spürt man immer wieder die große Faszination, die das Web auf @ibo (wie er sich auf Twitter nennt) hat, ohne seinen kritischen Impetus zu korrumpieren. Ibrahim Evsan ist das Kunststück gelungen, ein Buch über das Web zu schreiben, ohne die üblichen Reflexe zu bedienen. Wir haben es hier mit einem grundehrlichen Buch zu tun, das seine Leser Ernst nimmt. Man glaubt es kaum, aber hier ist ein Autor, der nichts anderes will als über seine Erfahrungen zu berichten.

Porträt Ibrahim Evsan

Ibrahim Evsan

Und davon hat er reichlich. Ein Web-Experte, der erkannt hat, wie sehr uns die Codes der digitalen Welt fixieren, wie sehr sie uns lähmen können und – im Falle von Online-Spielen – hochgradig abhängig machen. Evsan weiß, wovon er spricht. Er hat sich selbst mehrere Monate in das Online-Spiel „World of Warcraft“ versenkt und es zählt wohl zu den berührendsten Momenten des Buches, in denen ein junger Erwachsener von seiner WoW-Sucht berichtet.

„Der Fixierungscode“ wendet sich an Leser, die nicht so souverän im Umgang mit den Möglichkeiten des Webs sind. Es zeigt seine Chancen und Gefahren auf, es gibt Orientierung für webferne Eltern, es hilft dem Unerfahrenen einzuschätzen, wo man Acht geben muss. Es verteufelt nicht, sondern unternimmt den Versuch, sachlich zu vermitteln, was vor sich geht: dass „digitale Supermächte“ (Evsan) wie Google sich durchaus zu einer bedrohlichen Größe entwickelt haben. Dass man als überzeugter Webbewohner nicht zum willfährigen Kretin mutieren muss, sondern als kritischer Webbürger auf „digitaler Selbstbestimmung“ beharren sollte.

Denn – so klug ist Evsan allemal – es nutzt ja nichts, dem Web trotzig den Rücken zu kehren. Es ist ja längst Teil unseres Lebens. Also müssen wir darauf beharren, dieses Leben, so gut es geht, selbst in die Hand zu nehmen. Wir müssen Google, Amazon oder Facebook nicht lieben, aber wir müssen lernen, als selbstbewusste Webbürger von ihnen zu profitieren, ohne sich ihnen auszuliefern.

Ibrahim Evsan: Der Fixierungscode. Was wir über das Internet wissen müssen, wenn wir überleben wollen. ZS Verlag Zabert Sandmann. 166 Seiten. 1. Auflage 2009. ISBN 978-3-89883-255-7. 16,95 €.

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