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Über das Private

23 Apr

Kaum ein Begriff ist so schillernd unscharf wie der der “Privatsphäre”. Für die alten bürgerlichen und medialen Eliten ist er so etwas wie ein zentraler Kampfbegriff gegen die Verteidiger transparenter Netze und die radikalen Fürsprecher demokratischer Wandlungsprozesse. Für die Sanften und eher Ängstlichen ist er der letzte Schutzwall gegenüber vermeintlich rücksichtlosen Versuchen totaler gesellschaftlicher Überwachung. Kritiker der Privatsphäre sehen in ihm vor allem ein elitäres Abschotten.

Doch was ist nun eigentlich das Private? Gemeinhin verstehen wir darunter einen individuellen Rückzugsort, der für eine wie auch immer geartete Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Es sei denn, das Individuum entscheidet aus freien Stücken, das Private zu öffnen. Das Private ist ein Ort der Unabhängigkeit, an dem man Überzeugungen, Obsessionen, Neigungen nachgehen kann, ohne rechenschaftspflichtig zu sein.  Das Private ist ein luxuriös-hoheitlicher Bereich der Autonomie, welches das Individuum vor unerwünschten externen Behelligungen schützt.

Das Private ist Glücksversprechen und Einsamkeitshölle zugleich. Denn das Private ist mit seinem unbedingten Anspruch, Autonomie zu gewähren, nicht nur Schutzwall, sondern womöglich auch Hürde. Der Mensch als soziales Wesen ist auf Interaktion und Geselligkeit ausgelegt. Das Private schließt das nicht aus, aber es stellt die Interaktion unter spezielle, jederzeit individuell veränderbare Regeln. Das Private neigt eher zu Geheimnis und Egozentrik als zu Transparenz und Konsens. Das Private hat oftmals mit Besitz, Einfluss oder Macht zu tun. Es ist wendig und robust. Es schürt nicht selten Misstrauen oder Argwohn.

In den aktuellen Diskussionen um die Frage, wie sehr soziale Plattformen und Webanwendungen die Privatsphäre ihrer Nutzer verletzen und wie sehr überhaupt Dienste und Angebote von Web-Unternehmen die privaten Freiheiten beeinträchtigen, wird die Ambivalenz der Privatsphäre viel selten berücksichtigt. Privatsphäre ist für ihre Verfechter immer ein unumschränkt positiver Wert, die im besten Sinne selbstvergessene Verortung des Individuums im Sozialen wird hingegen nicht selten als fahrlässiges Verhalten denunziert. Das Bekenntnis zu Teilhabe, Transparenz oder Offenheit wie es sich in sozialen Plattformen ausdrückt, geißeln Kritiker als egozentrische Selbstentblößung, charakterschwache Wichtigtuerei oder wahlweise auch als groben Unfug. Mag sein, dass diese Vorwürfe auf einige sogar zutreffen. Wer wollte abstreiten, dass da draußen eine Menge Kretins unterwegs sind?

Aber für die meisten Anderen mag wohl eher zutreffen, dass sie einfach nur nach Interaktion streben. Die  Diskussionen um die Privatsphäre gehen insofern am eigentlichen Thema vorbei, als die selbstlose Interaktion in sozialen Netzen sich eben nicht in den Kategorien von Besitz, Eigentum oder Autonomie vollzieht. Diese Netze heißen nicht ohne Grund „sozial“ und ihr Kern ist das „Teilen“. Wer etwas teilt, gibt immer auch etwas von sich ab: Das ist das Wesen und die unbedingte Voraussetzung des Teilens. Öffentliches Reden, Streiten oder Meinen ist ein hohes Kulturgut, das sich die Menschen über viele Jahrtausende erkämpfen mussten.

Es wird wohl nie in verbohrte Datenschützerhirne dringen, dass Bloggen oder Twittern auch ein Akt bürgerlichen Selbstbewusstseins sein können. Wir rühmen die westliche Welt als Hort der Freiheit und warnen zugleich die Träger und Nutznießer dieser Freiheit ständig vor freier öffentlicher Rede? Wie weit ist es her mit unserer Freiheit und Demokratie, wenn es schon als gefährlich gelten soll, Fotos, Gedanken, Ideen mit der Welt zu teilen?

Man gemahnt uns zur Vorsicht. Die Preisgabe allzu vieler privater Daten mache uns unter Umständen zur leichten Beute dunkler Mächte. Nach Datenschützer-Logik ergibt sich ein absurdes Bild: Diejenigen, die freie Rede, nie gekannte Möglichkeiten der Interaktion und den unbeschränkten Zugang zum Weltwissen ermöglichen, sollen zugleich die bösen Buben im Spiel sein. Hinter der freundlichen Oberfläche verbergen sich die gräßlichen Fratzen der Macht und der Ausbeutung? Google als Stasi, Facebook als Großer Bruder?

Die allgegenwärtige Aufforderung, das Private besser zu schützen, ist nichts anderes als der Versuch, demokratisch-freiheitlichem Denken einen biedermeierlichen Keuschheitsgürtel anzulegen. All jenen, die so eifrig auf die Wahrung ihrer Privatsphäre pochen, sei gesagt: Das Private ist kein geeigneter Ort, um Freiheiten zu verteidigen. Freiheiten wurden immer auf den Straßen verteidigt, nicht in den Wohnstuben.

Der gläserne Netzbürger? Über Verantwortung und Kompetenz im Internet

15 Feb

Wer sich in der Welt bewegt, setzt sich Risiken aus – das ist in der digitalen nicht anders als in der realen Welt. Trotz allem sind die Risiken, die im Web auf den scheinbar arglosen Nutzer warten, immer ein großes Thema im öffentlichen Diskurs. Wenn von Facebook die Rede ist, dann eigentlich immer nur im Zusammenhang mit Datenschutz oder der bedrohten Privatsphäre. Mit Google assoziiert heute kaum noch jemand die faszinierende Suchmaschine oder die innovative Webfirma, sondern nur noch die „Datenkrake“. Apple, einst sympathischer Underdog, der das verhasste Microsoft-Imperium herausforderte, ist heute die gierige Geldmaschine, die mit ihren geschlossenen Systemen und Gadgets die Nutzer entmündigt und alle Geschäftspartner nach Strich und Faden ausquetscht.

Ob all die Ängste, die Verschwörungstheorien, die Vorwürfe, die dunklen Ahnungen reale Grundlagen haben, weiß niemand so genau und schlüssig zu nachzuweisen. Immer aber steht die These im Raum, dass von diesen Unternehmen Gefahren ausgehen. Gefahren, vor denen sich der Internet-Nutzer schützen müsse. Gefahren, die sich irgendwann negativ auswirken werden, wenn man sie nicht ernst nimmt.

Normalerweise geht die Rede so: Was da am Ende auf uns wartet, sind nichts weniger als gigantische Oligopole, die jeden Winkel unserer Wünsche und Sehnsüchte erforscht haben, die wissen, was wir suchen und wünschen und die auch wissen, was wir suchen werden und in Zukunft begehren werden. Mächte, die jedes Wort mitlesen, das wir schreiben, die erforschen, wer unsere Freunde sind, die jeden Klick überwachen, unsere Bilder ansehen und auswerten, jede öffentliche Äußerung protokollieren und am Schluss dann Profile erstellen über unsere politischen Einstellungen, unsere Kreditwürdigkeit, über unseren Wert und unsere Prognose als Arbeitnehmer und als Konsument. Am Ende steht der vollständig berechnete Mensch. Und der Algorithmus wird zum Herrschaftsinstrument.

“Am Ende steht der vollständig berechnete Mensch.”

Es gibt wohl nicht wenige Menschen, die vor solchen Szenarien Angst haben. Die Intransparenz der Facebooks, Googles und Apples ist auch nicht gerade dazu angetan, abzuwiegeln oder zu beschönigen. Auf der anderen Seite gibt es auch keinen Grund, ohnehin schon verunsicherte Netzuser mit Horrorgeschichten aus dem Science-fiction-Arsenal sämtlicher Souveränität, Freude und Kreativität  im Umgang mit dem Web zu berauben. Aber eines ist klar: Die Zeit der Unschuld ist im Web schon lange vorbei. Wir müssen uns längst schon nicht mehr nur gegen Viren schützen, sondern gegen die allzu große Wissbegier derer, die uns ein angenehmeres Leben voller glücksverheißender Anwendungen auf technisch faszinierenden Geräten versprechen.

Doch wie soll man das tun, ohne gleich paranoid zu werden, ohne übertriebenen Sicherheitsfimmel, ohne gleich überall das Böse zu wittern? Was uns allen fehlt, ist eine Sozialisation, die uns einen lang eingeübten Umgang mit den Risiken im Netz vermittelt hätte. Denn irgendwie war es plötzlich da, dieses Web, und irgendwie mussten wir uns in ihm zurechtfinden. Niemand hat uns gezeigt, worauf wir achten müssen. Nur die Viren-Software-Hersteller haben es frühzeitig geschafft, unsere Aufmerksamkeit zu bekommen: Na klar, Viren, da sind wir Deutschen auf Zack und auf der Hut.

“Wir müssen lernen, dass Arglosigkeit fehl am Platz ist.”

Aber sonst? 120 Seiten Nutzungsbedingungen einer Web-Anwendung im feinsten Juristendeutsch klicken wir mal locker weg (wer sollte die auch ernsthaft lesen?), munter überall die Kreditkartendaten verteilen, die berühmten Party-Fotos bei Facebook posten, besoffen twittern, mal schnell einen Song aus einer dunklen Ecke saugen: Das alles machen eine Menge Leute locker aus der Hüfte mit der linken Maustaste, ohne sich großartig zu sorgen.  So schlimm ist das ja eigentlich auch alles gar nicht. Wie im echten Leben wollen die Leute es im virtuellen Leben auch mal ab und zu richtig krachen lassen.

Verständlich? Ja.

Vernünftig? Nein.

Nein, wir müssen lernen und unseren Kindern vermitteln, dass diese Art von Arglosigkeit fehl am Platz ist. Wir dürfen die Risiken nicht verharmlosen, aber die Gefahren auch nicht überhöhen. Das Web ist da und es ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel: Wir brauchen es. Aber wir dürfen nicht wie die Dorftrottel in ihm herumlaufen.

In der Konsequenz heißt das:

-   Nicht jeden Hype als Erster mitmachen. Erst mal schauen, welche Erfahrungen die Early Adopter machen.

-   Mit Daten geizen. Und: Niemand zwingt uns, immer der zu sein, der wir sind.

-   Den Überblick bewahren: Niemand muss in acht social networks gleichzeitig sein.

-   Ein bisschen Tech-Know-how kann nicht schaden: Die wichtigsten Funktionen im Browser sollte man schon kennen. Das kann jeder lernen.

Es gibt keine Alternative zum Web. Es sei denn, man nutzt es nicht. Aber das wäre widersinnig: Niemand verschmäht das Autofahren nur, weil es potenziell gefährlich ist. Aber Autofahren ist nur dann halbwegs sicher, wenn man vorausschauend fährt, umsichtig und mit einer gehörigen Portion Respekt. Also rein ins Web. Mit dem größten Vergnügen. Aber im Oberstübchen sollte immer ein bisschen Licht brennen.

Google-Bashing als Symptom, oder: Deutsche Eliten 0.0

20 Mai
Deutsche Forscher und Entwickler glänzen wie eh und je in ihren angestammten Paradedisziplinen. Das Land exportiert so viele Produkte wie kaum ein anderes. Aber in der Welt des Internets ist die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt ein kleines Licht. Deutsche Eliten haben das Internet noch immer nicht verstanden. Das Land gerät hoffnungslos ins Hintertreffen und verliert sich in diffusen Datenschutz-Diskussionen.

Allenthalben wird die Klage geführt, es sei schlecht um Deutschlands Innovationsfähigkeit bestellt. Das Land investiere nicht genug in Forschung und Entwicklung, bringe nicht schnell genug neue Produkte hervor und drohe deshalb im internationalen Wettbewerb zurückzufallen. Den unbedarften Beobachter dürfte diese Klage verwundern. Ist doch dieses kleine Land im Herzen Europas mit seinen gerade mal 80 Mio. Einwohnern eine der erfolgreichsten Exportnationen in der Welt. Deutschlands Ingenieurkunst ist weltweit berühmt. „Made in Germany“ hat noch immer einen magischen Klang. Deutschlands mächtige Volkswirtschaft bringt Produkte hervor, deren Qualität über jeden Zweifel erhaben ist. Und dort – ausgerechnet dort – geht seit Jahr und Tag die Angst um, abgehängt zu werden? Ist das Jammern auf hohem Niveau? Die Angst des Klassenprimus, womöglich nur eine 2+ zu schreiben, statt der gewohnten glatten Eins?

Bei genauerem Hinsehen scheint Deutschland weniger dort gefährdet zu sein, wo es schon immer stark war: im Kraftfahrzeugbau, im Maschinenbau, bei der Entwicklung innovativer Werkstoffe oder in der Chemie. Die Gefahr besteht eher darin, dass man hierzulande auf eine fast fahrlässige Weise versäumt, das Betriebssystem des 21. Jahrhunderts sauber in Gesellschaft und Wirtschaft zu installieren: das Internet. Die wirtschaftlichen und politischen Eliten betrachten es verbreitet immer noch eher verächtlich als bloßes Medium, wahlweise auch als Spielwiese für digitale Spinner, bestenfalls als neue Einkommensquelle. Viele schwanken zwischen den Extremen: Erst unterschätzten sie Möglichkeiten des Webs, dann knüpften sie Heilserwartungen daran und wandten sich flugs wieder ab, weil diese sich nicht spontan erfüllten.

Foto: obs/Softlab Group

Die Eliten des Landes wissen mit dem Internet nichts anzufangen, sie haben nicht die Kompetenz, sein Potenzial auch nur annähern zu erahnen. Alles, was sie darüber wissen, kennen sie nur vom Hörensagen. Unternehmenslenker oder Spitzenpolitiker haben offensichtlich keine Zeit, das Web zu erkunden; sie lassen sich „das Wichtigste“ jeden morgen vorlegen: wofür hat man schließlich Personal?

Es passt nicht zum Selbstverständnis der deutschen Elitefachkraft, das Web auf eigene Faust zu erkunden, seine Mechanismen zu erlernen, seine Weite zu spüren. Die deutsche Elitekraft sitzt stattdessen in endlosen Meetings, grübelt auf Interkontinentalflügen über die Konzernstrategie oder pflegt seine Netzwerke in exklusiven Zirkeln. Das Internet hingegen spielt im Leben des deutschen Entscheidungsträgers kaum eine Rolle. Ex-Bundeswirtschaftsminister Michael Glos bekannte seinerzeit freimütig: „Ich habe Gott sei Dank Leute, die für mich das Internet bedienen.” Und so hat das heutige Polit-Spitzenpersonal natürlich auch Leute, die Twitter und Facebook „bedienen“, kaum jemand, der selbst zum Smartphone greift und die direkte Face-to-face-Kommunikation wagt. Und welcher Konzernlenker traut sich, ungeschützt Sätze von sich zu geben, die nicht von einer Armada übervorsichtiger PR-Strategen weichgespült wurde? Das Verlautbarungstheater der Eliten unterscheidet sich in Form und Funktion kaum von hoheitlichen Dekreten, ist gestelzt, umständlich, distanziert.

All das hat Folgen. Denn offensichtlich leidet die Innovationsfähigkeit Deutschlands nicht in den FuE-Laboren der Unternehmen, sondern auf ihren Führungsetagen. Hier hat man es seit vielen Jahren verschlafen, sich ernsthaft mit dem Internet zu beschäftigen. In der Welt der Computer und der Mikrochips spielt Deutschland international nur eine marginale Rolle. Fast jeder Deutsche sitzt heute vor einem PC oder Mac, aber weder die Hardware noch die verwendete Mainstream-Software stammt aus irgendeinem deutschen Entwicklungslabor. Peinlich ist es, wenn sich eine bis dahin vollkommen unbekannte deutsche Firma zum iPad-Killer aufspielt und auf einer grotesken Pressekonferenz mehr als das Gesicht verliert, wie es Neofonie kürzlich mit dem WePad tat.

Wie sehr Deutschland ins Hintertreffen geraten ist, lässt sich auch schön daran ablesen, dass sämtliche digitalen Supermächte – Microsoft, Apple, Google, Facebook und Amazon – US-amerikanische Firmen sind. Kein deutsches Unternehmen, das ihnen auch nur ansatzweise das Wasser reichen könnte. Das an sich wäre ja auch nicht unbedingt ein Grund zur Trauer. Allerdings lässt die Art und Weise, wie man sich in der deutschen Öffentlichkeit mit jenen Firmen auseinandersetzt, tief blicken. Google-Bashing gehört mittlerweile zum täglichen Brot eines deutschen Zeitungsredakteurs und wenn es so weiter geht wie bisher, wird es bald eigene Ressorts mit dieser Bezeichnung geben. Das wohl innovativste Unternehmen der Welt wird angefeindet, weil es nicht mit den moralischen Maximen und juristischen Ränkespielen des deutschen Provinz-Philistertums kompatibel ist. Die Hilflosigkeit, mit der man in Deutschland mit Googles Kopier- und Fotografier-Aktionen umgeht, ist auch nur wieder eine Folge der mangelnden Internet-Kompetenz in Deutschland. Der international hoffnungslos ins Hintertreffen geratene Ex-Export-Primus namens Deutschland muss erkennen, dass die Rahmenbedingungen, die bisher seinen Erfolg sicherten, sich radikal verändern.

Google-Logo

Foto: Alain Bachellier

Hierzulande ist man einfach gut darin, vor lauter moralischen Bedenken den Überblick zu verlieren. Der US-amerikanische Medienexperte Jeff Jarvis konnte sich bei seinem Vortrag auf der Bloggerkonferenz re:publica im April 2010 gar nicht mehr darüber beruhigen, dass sich die Deutschen einerseits um die Fotos ihrer Vorgärten im Internet sorgen, während sie gleichzeitig ihre edelsten Körperteile  in gemischten Saunen oder am FKK-Strand arglos zur Schau stellen. Die seltsam einhellige Koalition aus profilneurotischen Politikern, psychotischen Datenschützern und pfründeverteidigenden Journalisten lässt den Schluss zu, dass es beim Google-Bashing vor allem darum geht, das eigene Scheitern zu verdecken. Denn statt des unablässigen Lamentos über die angeblichen Unverfrorenheiten Googles könnten die deutschen Bedenkenträger es doch einfach besser machen. Aber dazu – und das weiß man hierzulande nur zu genau – ist man nicht in der Lage. Das ist ein ernüchternder Befund: Die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt ist ein Online-Zwerg.

Die Gründe dafür sind vielfältig und auch schon hinreichend fixiert: Es gibt zu wenige Investoren, die die mutig und langmütig genug sind, auf das Neue und das Risiko zu setzen. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase gibt es kaum noch nennenswerte Investitionen in deutsche Online-Projekte, deren unmittelbarer Erfolg nicht für jedermann sichtbar ist. Sicher spielt auch die gering ausgeprägte Gründer-Mentalität in Deutschland eine Rolle. Das fängt schon an den Hochschulen an: Wie sollen rücksichtslos durchs Studium gepeitschte Absolventen denn überhaupt an Ausgründungen denken? Mit Wissen vollgestopftes Lernvieh kann eben nicht zum findigen Entrepreneur mutieren. Sie finden zudem keine Geldgeber, sie finden im Umfeld ihrer Hochschule keine inspirierende Innovationskultur aus Start-ups, Grundlagenforschung und Finanziers. Geschichten wie die von Sergey Brin, Larry Page oder Mark Zuckerberg, die schon als Studenten gute unternehmerische Voraussetzungen und vor allem Investoren fanden, wird man so in Deutschland vergebens suchen.

Es ist eine vordringliche Aufgabe von Wirtschafts- und Wissenschaftspolitik, die Rahmenbedingungen für eine solche Innovationskultur zu schaffen.  Wir können uns schließlich nicht ewig darauf verlassen, gute Autos und Maschinen zu bauen. Unsere Eliten müssen endlich beginnen, das Internet zu verstehen. Das können sie  zwar nur selbst tun. Aber wir würden ihnen auch dabei helfen.

Ibrahim Evsan „Der Fixierungscode“ – Eine Buchkritik

13 Mai

Ein großer Graben tut sich auf: Zwischen glühenden Web-Verfechtern und den mahnenden Web-Verächtern. Während sich die einen in ihrer Rolle als affirmative Web-Bürger gefallen, verteufeln die anderen Google und Facebook als freiheitsgefährdenden Supergau. Ibrahim Evsans Buch „Der Fixierungscode“ baut eine Brücke.

Es ist die Zeit der großen Debatten. Es ist die Zeit, in der die alten Medien immer verbissener gegen die neuen Medien kämpfen – und umgekehrt. Plötzlich mutieren vormalige Lieblinge der Massen wie Google oder Apple – glaubt man den raunenden Auguren – zu bösen Mächten, die an der umfassenden Kontrolle und digitalen Unterwerfung eben jener Massen arbeiten. Fest geschmiedete Koalitionen aus Medien, Politikern und selbsternannten Datenschützern schüren mit steilen Thesen die Ängste des deutschen Michel, verunsichern ihn, nehmen ihm die Lust, die neue Welt zu erkunden.

Buchcover

Cover von "Der Fixierungscode"

Auf der anderen Seite die Respektlosen und Größenwahnsinnigen. Diejenigen, die keine Kosten und Mühen scheuen, die Welt da draußen auf den Bildschirm zu holen. Die sie abfotografieren und abscannen bis in den letzten Winkel der Welt, die sie erfassen, verschlagworten, rubrizieren, zugänglich machen. Wie unbekümmerte Gymnasiasten treten sie auf mit der Attitüde des kraftstrotzenden Jünglings, der die Welt erobern will: Begriffe wie Urheberrecht und Geistiges Eigentum kommen in ihrem Kosmos nicht vor. Denn diese gehören in die Welt des Analogen, in die Welt der Beamten und Juristen, in die Welt, in der schon auf ewig alles verteilt ist. Aber das neue gelobte Land des Digitalen ist noch nicht besetzt und lässt noch viel Raum für Abenteurer und Entdecker.

Und während sich also immer mehr Siedler dem Trek nach Digitalien anschließen, um die neue Welt zu erobern, bleiben die Anderen in der gewohnten Umgebung und warnen und mahnen. Dies ist – zugegeben etwas überspitzt – der Zustand, in dem sich Deutschland im Jahr 2010 befindet, wenn es um Fragen des Internets geht. Die Fronten sind verhärtet, zwischen Google-Bashing und Google-Apologese scheint kaum ein Weg.

Eine rühmliche Ausnahme bildet Ibrahim Evsan, ein Unternehmer, der als Gründer von „Sevenload“ sein Geld im Internet verdient hat und mit neuen Ideen („United Prototype“) immer noch verdient. Man könnte glauben, dass Evsan, der erfolgreiche Internet-Unternehmer, ein glühender Web-Verfechter sei, doch mit mit seinem Buch „Der Fixierungscode“, präsentiert er sich als Grenzgänger zwischen den vermeintlichen Gegenwelten. Jede Zeile seines Ende 2009 erschienenen Buches zeigt ihn als besonnenen und kritischen Geist, der Gefahren des Internets sehr realistisch einzuschätzen weiß, ohne in plumpe Polemik zu verfallen. Zugleich spürt man immer wieder die große Faszination, die das Web auf @ibo (wie er sich auf Twitter nennt) hat, ohne seinen kritischen Impetus zu korrumpieren. Ibrahim Evsan ist das Kunststück gelungen, ein Buch über das Web zu schreiben, ohne die üblichen Reflexe zu bedienen. Wir haben es hier mit einem grundehrlichen Buch zu tun, das seine Leser Ernst nimmt. Man glaubt es kaum, aber hier ist ein Autor, der nichts anderes will als über seine Erfahrungen zu berichten.

Porträt Ibrahim Evsan

Ibrahim Evsan

Und davon hat er reichlich. Ein Web-Experte, der erkannt hat, wie sehr uns die Codes der digitalen Welt fixieren, wie sehr sie uns lähmen können und – im Falle von Online-Spielen – hochgradig abhängig machen. Evsan weiß, wovon er spricht. Er hat sich selbst mehrere Monate in das Online-Spiel „World of Warcraft“ versenkt und es zählt wohl zu den berührendsten Momenten des Buches, in denen ein junger Erwachsener von seiner WoW-Sucht berichtet.

„Der Fixierungscode“ wendet sich an Leser, die nicht so souverän im Umgang mit den Möglichkeiten des Webs sind. Es zeigt seine Chancen und Gefahren auf, es gibt Orientierung für webferne Eltern, es hilft dem Unerfahrenen einzuschätzen, wo man Acht geben muss. Es verteufelt nicht, sondern unternimmt den Versuch, sachlich zu vermitteln, was vor sich geht: dass „digitale Supermächte“ (Evsan) wie Google sich durchaus zu einer bedrohlichen Größe entwickelt haben. Dass man als überzeugter Webbewohner nicht zum willfährigen Kretin mutieren muss, sondern als kritischer Webbürger auf „digitaler Selbstbestimmung“ beharren sollte.

Denn – so klug ist Evsan allemal – es nutzt ja nichts, dem Web trotzig den Rücken zu kehren. Es ist ja längst Teil unseres Lebens. Also müssen wir darauf beharren, dieses Leben, so gut es geht, selbst in die Hand zu nehmen. Wir müssen Google, Amazon oder Facebook nicht lieben, aber wir müssen lernen, als selbstbewusste Webbürger von ihnen zu profitieren, ohne sich ihnen auszuliefern.

Ibrahim Evsan: Der Fixierungscode. Was wir über das Internet wissen müssen, wenn wir überleben wollen. ZS Verlag Zabert Sandmann. 166 Seiten. 1. Auflage 2009. ISBN 978-3-89883-255-7. 16,95 €.

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