Zwischen allen Stühlen

11 Dez

Ein kurzes Fazit zum Forum Wissenschaftskommunikation 2011.

Odysseum Köln, 6. 12. 2011

Das „Forum Wissenschaftskommunikation“ (FWK) stand in diesem Jahr (6. bis 8. Dezember 2012 in Köln) erstmals unter einem Motto: „Zwischen den Stühlen. Wissenschaftskommunikation im Spannungsfeld von Politik, Gesellschaft und Wissenschaft“. Ich hatte als Mitglied der Programmkommission frühzeitig darauf gedrungen, das Forum unter ein Oberthema zu stellen. Denn schließlich schwebt Wissenschaftskommunikation nicht im freien Raum, sondern ist vielfältigen Prozessen unterworfen, entwickelt sich weiter, streift Altes ab und begegnet neuen Aufgaben. Um so wichtiger ist es, dass sich die Schar derer, die sich professionell mit der Kommunikation von Wissenschaft beschäftigt, nicht bloß einmal im Jahr irgendwo trifft, um die immer gleichen Probleme zu diskutieren, sondern das eigene Tun im Licht der oben beschriebenen Prozesse reflektiert. Ein jährliches Treffen wie das FWK bietet die Möglichkeit, zu überprüfen, wo „die Wissenschaftskommunikation“ steht, ob und wie sie sich weiter entwickelt.

Die eigentliche Frage, auf die das diesjährige Motto zielte, war die Frage nach den Chancen und Hindernissen der Profession. Wie professionell können eigentlich Kommunikatoren sein, die sich beispielsweise eigentlich längst im Web tummeln müssten, aber ständig von Chefs ausgebremst werden, die noch immer in ihren alten Papierwelten leben? Wie können Kommunikatoren eigentlich auf den rapiden Bedeutungsverlust der herkömmlichen (Print-)Medien reagieren, wenn Sie doch im eigenen Hause immer noch am Umfang des Pressespiegels gemessen werden? Was bedeutet die Digitalisierung von Kommunikationsprozessen? Wie stark wandelt sich das Berufsbild des Presseprechers oder Öffentlichkeitsarbeiters und was bedeutet das für die Kommunikationsformen und -instrumente, die ihm zur Verfügung stehen?

Ein großes Feld also, das auf dem Forum hätte beackert werden können. Doch nur wenig von all diesen interessanten Themen schien beim Forum wirklich auf. Schon die Auftaktvorträge ließen fast alles zu wünschen übrig. Ranga Yogeshwar übte bei seinem Vortrag über die Medien-Berichterstattung zu Fukushima zwar scharfe Kritik an Medien und stellte die journalistische Kompetenz vieler Berichterstatter in Frage, doch letztlich war die Botschaft dann doch nur, was für ein pfiffiges Kerlchen dieser Yogeshwar dagegen doch ist. Für die Zuhörer barg dieser Vortrag dann höchstens die Einsicht, dass Massenmedien noch blöder sind als ohnehin vermutet, und dass – soweit auch nicht unbedingt etwas Neues – lieber der größte Quatsch über die Sender geht, bevor man erst einmal ordentlich recherchiert.

Einem nichtssagenden, inspirationslosen Beitrag aus dem Bundesbildungsministerium folgte dann der hochdekorierte Max-Planck-Forscher Ferdi Schüth, der die eigentlich spannende Aufgabe übernommen hatte, die Erwartungen der Wissenschaft an die Wissenschaftskommunikation zu skizzieren. Sein Vortrag war einer der Tiefpunkte des gesamten Forums und hätte in dieser Form auch gut in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts gehalten werden können. Schüth malte das Bild des gutmütigen, aber weltfremden Wissenschaftlers, der eigentlich keine Zeit und Lust hat, etwas anderes zu tun, als zu zu forschen. Kommunikatoren gestand er höchstens eine servile Rolle als Steigbügelhalter für die wissenschaftlichen Eminenzen zu. Wir kennen das: Pressesprecher, die an mehrseitige Pressetexte nur noch ein Schleifchen dranstricken dürfen, und das Ganze dann „den Medien“ verkaufen sollen. Reiner Korbmann hat in seinem Blog ausführlich über den Vortrag Schüths berichtet. Seiner Kritik ist nicht viel hinzuzufügen.

Ein weiteres Problem des diesjährigen Forums trat ebenfalls deutlich zu Tage: Den Großteil des Programms aus den Vorschlägen eines „Call for Papers“ zu bestreiten, ist langfristig keine gute Idee. Das Programm zerfaserte, zu viele eingereichte Beiträge gingen am Thema der Tagung vorbei oder streiften es nur gelegentlich am Rande. „Wissenschaft im Dialog“ als Veranstalter sollte in Zukunft meiden, es allen Recht machen zu wollen. Das führt zu Beliebigkeit und einem bedenklichen Absinken des Qualitätsniveaus mancher Sessions. Das Programm braucht deutlich mehr Struktur und thematische Bindung an das Zentralmotto. Zudem müssten die Themen und Personen der zentralen Vorträge und Sessions durch das Programmkomitee festgelegt bzw. ausgewählt werden.

Das Bedürfnis vieler Teilnehmer nach konkreten Hilfestellungen für die tägliche Arbeit könnte gut durch eine Workshop-Reihe parallel zum Hauptprogramm aufgefangen werden. Und all jene, die Aspekte vorstellen möchten, die etwas abseits der großen Themen liegen, könnten dies wunderbar in einer eigens eingerichteten „Speakers Corner“ tun. Dort wären dann alle frei, über das zu reden, was ihnen am Herzen liegt. Und alle anderen wären ebenso frei, zu entscheiden, ob sie sich das anhören mögen.

UPDATE, 12.12.2011, 14:30 Uhr:

Zwei interessante Blogposts zum FWK11 möchte ich allen Interessierten noch ans Herz legen:

Christoph Larssen: Monolog statt Dialog
Matthias Fromm: Shakehands, aber keine Kratzer am Prüfstein

Interessant auch noch mal zum Nachlesen ist der Twitter-Stream zum FWK11.

 

 

5 Antworten to “Zwischen allen Stühlen”

  1. Matthias Fromm 12. Dezember 2011 um 10:20 #

    Guten Morgen Michael!

    Ja, ich hatte mich gefreut auf das diesjährige Forum. Nachdem ich das Forum im letzten Jahr auslassen musste, war ich zum einen in freudiger Erwartung der Begegnung mit Menschen die man länger nicht mehr persönlich getroffen hatte, zum anderen war ich aber auch gespannt auf das inhaltlich “Versprochene”, denn was war nicht alles geschehen zwischen dem Forum 2009 und 2011!?

    Vielleicht war das Oberthema etwas zu groß für das Forum, vielleicht war es nicht gut alle Prozesse, denen Wissenschaftskommunikation unterworfen ist, abbilden zu wollen. Denn leider kann ich mich Deinem Tenor nur anschließen. Letzten Endes war das Forum ein schönes Klassentreffen, inhaltlich aber doch eher enttäuschend.

    Ich bin mir bewusst, dass auf solchen Veranstaltungen vieles im Networking um die Vorträge und Sessions herum passiert. Leider boten viele Vorträge aber nicht einmal positive Impulse für eine fortgesetzte Diskussion abseits der Programmpunkte. Ich bin ehrlich gesagt etwas konsterniert auf welchem Level in der Mehrzahl noch immer diskutiert wird. An vielen Ecken hörte man noch immer die Mär vom gravierenden Unterschied von Digital Natives, Digital Residents und Digital Visitors und noch immer klingt es wie eine Entschuldigung dafür sich mit den (nun wahrlich nicht mehr neuen) Neuen Medien nur am Rande beschäftigen zu müssen – als eine Art “Kür der Wissenschaftskommunikation”. Es fällt mir schwer zu glauben, dass sich professionelle Kommunikatoren noch immer hinter diesem Ammenmärchen verstecken, denn mal ehrlich: ist es nicht unsere Aufgabe als Kommunikationsprofis genau diese Unterschiede zu überwinden??? Aber leider erntet man nicht selten noch immer kritische Blicke und ein abfälliges Lächeln, wenn man aufruft diese Medien Ernst zu nehmen, weil sie zum Teufel noch einmal nicht mehr weggehen werden.

    Leider dreht sich das Themenkarussell, oder eher die Diskussionen auf dem Forum im Kreis. Wir sprechen großteils noch immer darüber was man müsste und könnte und sollte, wenn man denn die Kapazitäten und die Zeit dafür hätte. Ich glaube die prägendste, oder zumindest die deutlichste und ehrlichste Einschätzung dazu habe ich von Thomas Gazlig gehört, der klarstellte, dass wir aufhören müssen stets neue Konzepte auf den Tisch zu legen und über (dann doch nicht umgesetzte) Ideen zu diskutieren, sondern dass wir die bestehenden Konzepte und Ideen auf den Prüfstein stellen müssen. Nur im Abrieb durch die reale Umsetzung wird sich zeigen, welche Konzepte tauglich sind und welche Ideen weiter formbar. Sicher ist genau das der schwierigste Schritt im Prozess. Sicher sind hier die Hürden sehr hoch in der schwierigen Argumentation gegenüber den Verantwortlichen in den Organisationen hinsichtlich der Fragen zur Überprüfbarkeit der Ergebnisse und der Umsetzung des enormen Aufwands. Aber auch hier beklagen wir uns schon viel zu lange darüber, anstelle es Schritt für Schritt zu versuchen. Die Wissenschaftskommunikation hadert in den eigenen Prozessen mit einem der essentiellen Untersuchungsmethoden der Wissenschaft selbst – dem Experiment.

    Wo ist der Mut bei so vielen, einfach mal etwas auszuprobieren? Wo ist der Mut zu Scheitern, durch dieses Scheitern einem Erfolg aber wenigstens schrittweise näher zu kommen? Und wer sagt überhaupt, dass man Scheitern wird? Wo ist der Spaß??? Sicher sind wir noch viele Schritte davon entfernt wirklich funktionierende Mechanismen entwickelt zu haben, die dann auch noch übertragbar sind und als Best Practice für eine “breitere Masse” adaptierbar sind. Ich frage mich allerdings, warum wir seit vielen Jahren dieselben Vorträge über Wissenschaftskommunikation (meist in der Ausprägung von “Kommunikation mit den Medien über Wissenschaft”) und ihre Eigenschaften (die meist grundlegende journalistische Eigenschaften à la Authentizität, Wahrhaftigkeit, etc. sind) hören, anstelle Ideen zu diskutieren wie man interne Prozesse entwickelt, die sowohl dem Wissenschaftskommunikator, als auch dem Wissenschaftler gerecht werden?

    Ich bin mir nicht sicher wie man den Schritt in diese Richtung innerhalb der Veranstaltungsreihe anstoßen könnte. Vielleicht muss man sich, wie Du es ja auch postulierst, noch mehr vom Frontalvortrag verabschieden. Vielleicht muss man weniger CfP’s bedienen, als vielmehr aus Geschichten aus der Praxis heranzuziehen? Vielleicht muss man aber auch kleinere Teile des großen Oberthemas Wissenschaftskommunikation einzeln betrachten, z.B. “interne Kommunikationsprozesse als ‘Enabler’ einer Wissenschaftskommunikation nach Außen”, oder so. Vielleicht muss man aber auch am Format etwas drehen – sicher muss man nicht einen radikalen Schritt Richtung Barcamp gehen, aber etwas kommunikativeres dürfte es schon sein. Es wäre schön, wenn vom Forum nicht mehr nur Problembeschreibungen kommen würden, sondern Lösungsansätze. Impulse!

  2. Timur Diehn 12. Dezember 2011 um 11:57 #

    Hallo lieber Michael, sehr schön formuliert! Die mangelnde Qualität vieler Panels und Vorträge hatte auch mit dem mangelnden Willen der Organisatoren zu tun, das Thema interdisziplinärer aufzufassen. Es fehlten z.B. PR-Profis aus großen Häusern und Agenturen, New Media Experten und Vordenker, die schon längst zu diesem Themen visionär nach vorne gehen und auch aus der Praxis hätten berichten könnten. Zumindest der eine oder andere Impulsvortrag eines Vortragenden der mit Wissenschaftskommunikation an sich nichts zu schaffen hat dafür aber z.B. in New Medias und großen Medienhäusern zu Hause ist und deren Publishing-Tools und Kommunikationsstrategien wirklich kennt, wäre hier inspirierend gewesen. Alle sogenannten Kommunikatoren von Unis, kleinen Unternehmen und Verbänden u.s.w. die noch an die Macht von PM´s und PK´s glauben und das jetzt mit ein wenig Twittern anreichern wollen, werden noch gehörig auf die Nase fallen. Die Aufmerksamkeitspannen von uns allen werden noch deutlich knapper werden – neben den neuen Medienumwelten möchte doch jeder auch noch ein wenig offline Zeit, Zeitressourcen werden noch knapper werden d.h. Aufmerksamkeit erreicht nur noch der, der wirklich was zu sagen hat und gleichzeitig die Instrumente der neuen Medienumwelt beherrscht ohne sich dieser Umgebung dann zu sehr anzudienen. Wie man das macht, kann man wohl nur gemeinsam rausfinden. Also ahoi!

  3. Alexander Gerber, innokomm 12. Dezember 2011 um 17:56 #

    Was die Inhalte anbelangt, liegt die Lösung meiner Ansicht nach in einem Mischmodell aus der bei der Wissenswerte praktizierten intensiven inhaltlichen Steuerung einerseits und einem eher passiven Themencall wie bei den bisherigen WiD-Foren andererseits. Da man eine solche Steuerung aber nicht allein WiD als Organisator aufbürden sollte, steht und fällt letztlich alles mit den Freiheitsgraden des Programmkomitees, das u.U. sogar gänzlich losgelöst von der in WiD zusammengeschlossenen institutionalisierten Wissenschaft agieren können sollte.

    Ein zentrales Hauptthema wäre zwar im Sinne einer “runden” Veranstaltung und somit zunächst im Sinne der Veranstalter, dafür aber nicht zwangsläufig im Sinne der Teilnehmer, die ja bekanntlich aus sehr unterschiedlichen Bereichen und mit noch unterschiedlicheren Erfahrungshorizonten zum Forum kommen (KollegInnen aus dem musealen Bereich ebenso wie Forscher selbst, politische Akteure und das Wissenschaftsmanagement, aber auch Leute aus dem Standortmarketing aus Agenturen oder Redaktionen). Wäre es da nicht am besten, man würde drei parallele, klar voneinander abgegrenzte Stränge bauen? Die große und weiter wachsende Teilnehmerzahl ließe das ja (gerade vor dem Hintergrund der WissensWerte- und SciCom-Zukunft) durchaus zu. Schade, dass sich die beiden großen Veranstaltungen (und vielleicht noch kleinere wie etwa das Berliner Forum für Wissenschaftsmarketing) nicht zu einer breiten und thematisch klar untergliederten Fachveranstaltung integrieren lassen, evtl. sogar noch mit einem Academic Track.

    Ganz wichtig finde ich den Hinweis auf mehr praktische Anwendbarkeit im Tagesgeschäft der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Auch ich hatte bei den WID-Kollegen für nächstes Jahr schon Tutorials im Vorfeld (und ggf. Nachgang) der Tagung angeregt. Bohren wir das Brett also mal gemeinsam weiter. 😎

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