Gerhard Henschel: Abenteuerroman

5 Jan

HenschelDas ist so ein Buch, nach dessen Lektüre man erst einmal kein anderes Buch beginnen kann. Das einen ständig begleitet. Man sitzt im Büro und ist in irgendetwas vertieft und dann kommen einem plötzlich die Figuren und Bilder dieser Buches in den Sinn. Und dann sinniert man zwischen zwei Meetings über die Erlebnisse dieses Martin Schlosser und seiner bemerkenswerten Sippschaft. Fragt sich, ob seine seltsame Freundin Heike nicht doch einen totalen Sockenschuss hat und ob seine Mutter wirklich an Krebs erkrankt ist? Und vor allem fragt man sich: Wann kommt wohl der nächste Band?

Vier richtig dicke Bände hat Gerhard Henschel seinem Helden Martin Schlosser schon gewidmet: In der frühesten Kindheit (Anfang der 1960er Jahre) mit dem Kindheitsroman (2004) beginnend, leiden und leben wir in den Folgebänden (Jugendroman; 2009 und Liebesroman; 2010) mit Martin durch die Pubertät, erkunden mit ihm die Welt, lesen viel, lieben mit ihm Borussia Mönchengladbach, entdecken mit ihm die Welt der Politik, genießen die Brieffreundschaft mit seinem alten Freund aus Kindheitstagen und lassen uns in regelmäßigen Abständen von seinem Vater anblaffen: “Bring’ dein Fahrrad in den Keller.”

Manch’ Literaturkritiker aus den Großfeuilletons bescheinigt Henschels Büchern schon jetzt den Status eines “einzigartigen Romanprojekts” – und man ist geneigt, dieser Ansicht zuzustimmen. Denn eine auf solche Breite und Tiefe angelegte Familiengeschichte kennt man eigentlich nur von Walter Kempowski, dessen monströses Gesamtwerk ja auch erst sehr spät erkannt und gewürdigt worden ist. Doch nicht nur, was den Umfang des Werks angeht, hat sich Henschel an Kempowski orientiert. Die gesamte Erzählweise in Henschels Büchern trägt unverkennbar die Handschrift des knorrigen Meisters aus Nartum.

So wird locker in einem durcherzählt: Es gibt keine Kapitel, keine sorgsam aufgebauten Spannungsbögen, kleine Cliffhanger. Absatzweise fräst sich Henschel durch das Leben seines Helden: scheinbar wahllos werden Ereignisse, Gespräche, Gedanken, Briefe aneinandergereiht, oft nur in ganz kurzen, lakonischen Worten:

“Ein Attentäter hatte Ronald Reagan mit mehreren Schüssen niedergestreckt.
John Hinckley. Der wollte wohl in die Geschichte eingehen. Reagan hatte nur eine Lungenverletzung davongetragen; sein Gesundheitszustand war stabil.
Nach Mamas Meinung waren die Amerikaner selber schuld. ‘Bei denen läuft doch jeder Hans und Franz mit’m Schießprügel durch die Gegend!’
So war das eben in God’s own country.”

(Abenteuerroman, S. 172, 2012)

Und so kommt man in den Sog. Man kann sich dieser Erzählweise einfach nicht entziehen. Man muss immer weiter lesen. Und man bekommt nicht genug von diesen unendlich vielen kleinen Geschichten über den Segen der Badewanne, den heimwerkenden Vater, die ganzen Schnurren aus der weitverzweigten Verwandtschaft, die ganzen peinlichen Pubertätsprobleme, den ganzen Horror in der Schule mit ihren verkorksten Paukern, die ganzen dummen Sätze, die immer und immer wieder in einer Familie gesprochen werden, und auch die unausgesprochenen Animositäten der genervten, unter ihrer Ehe leidenden Eltern, die sich dann doch immer wieder still ertragen, weil die Familie eben nicht immer nur die Hölle sein darf, sondern auch der einzige Ort ist, wo wir ganz wir selbst sind.

“Im Garten gab’s eine Neuerung: überdachte Tomatenstauden. Sonst war alles beim alten, trotz gehabter Weltreise. Der alte Ehetrott.
Eduscho & Melitta. Blumenkohl & Kartoffeln. ARD & ZDF.
Wilkinson, Togal und Ajax.”

(Abenteuerroman, S. 251, 2012)

Die große Leistung, die Gerhard Henschel hier erbringt, ist nicht nur die bestechende literarische Qualität seines Werks. Dieser liegt eine schier unglaubliche Recherchewut zugrunde. Fußballergebnisse, Kinopremieren, Spiegel-Schlagzeilen, politische Ereignisse, Fernsehsendungen, Alltagskultur, all das flicht Henschel mit leichter Hand in den Erzählstrom ein. Und so ergibt sich das wunderbare Zeit- und Sittenbild einer Generation, die im kulturellen Gedächtnis dieser Republik noch keinen festen Platz hat: Nämlich die Generation jener, die im Schatten der 68er groß wurde und über die nie irgend jemand spricht oder schreibt. Weil Nachkriegszeit, Achtundsechzig und die DDR immer jene großen Themen waren, die die Debatten beschäftigt haben.

Für die Generation der Martin Schlossers (und eben auch Gerhard Henschels, der von 1962 ist) – meine Generation – hat sich kaum einmal ein Feuilletonist interessiert. Wir haben uns nie durch irgendwas hervorgetan – wir waren immer nur die Nutznießer jener Vorkämpfer, die die Kinderläden ersonnen haben, die antiautoritäre Erziehung und die Erweiterung der Weltsichten. Wir, die Kinder der 60er und 70er Jahre waren die erste Generation, die vom nachwirkenden Nazi-Wahnsinn weitgehend unberührt blieb. Wir mussten uns nicht mehr auflehnen gegen die Engstirnigkeit und die Spießergesellschaft. Wir waren schon in ruhigerem Fahrwasser und hatten das Glück, dass man uns noch nicht in die bildungspolitischen Luftschlösser der Reformpädagogen sperren konnte. Wir waren irgendwie eine glückliche Zwischengeneration, die niemand im Blick hat(te). Und wenn überhaupt jemandem etwas zu unserer Generation einfällt, dann höchstens “Contergan“.

Die Romane Gerhard Henschels künden von der vergessenen Generation, die sich ganz allein einen Weg ins Leben gebahnt hat. So wie Zweitgeborene, deren Entwicklung die Eltern nie so genau im Blick haben wie die der Erstgeborenen oder der Nesthäkchen. Dieser Generation setzt Gerhard Henschel ein Denkmal. O ja, wir haben seltsame Dinge gemacht, zum Beispiel die Gedichte von Volker von Törne geliebt. Wir waren friedensbewegt und mussten alten Männern in KDV-Verhandlungen erläutern, wie wir uns verhalten würden, wenn Russen im Wald unsere Freundin vergewaltigen wollen. Wir sind durch die Welt getrampt, haben Europa mit Interrail erkundet, haben Konkret gelesen und uns in Schüttorf ‘Marilyn Rock’ angeschaut. Und doch sind uns alle auf die Nerven gegangen: die alten Männer sowieso, aber auch die radikalen Startbahnbesetzer. Die Reagans, Kohls oder Barzels, aber schnell auch Petra Kelly. Wir waren immer irgendwo dazwischen, haben beobachtet, uns gewundert und uns am Schluss kaputt gelacht.

Für diese Generation steht stellvertretend Martin Schlosser. Und ich kann es kaum erwarten, wie es mit seiner Geschichte weitergeht.

Bibliographische Angaben:

Gerhard Henschel: Abenteuerroman.
1. Auflage 2012. 572 Seiten.
Hoffmann und Campe, Hamburg.
ISBN 978-3455403619

________________

Manfred Tischer von literaturcafe.de hat Gerhard Henschel 2009 auf der Buchmesse interviewt. In dem hörenswerten Audio-Interview spricht Gerhard Henschel unter anderem auch über seine Recherchen zum “Jugendroman”: Interview mit Gerhard Henschel (mp3)

Eine Antwort to “Gerhard Henschel: Abenteuerroman”

Trackbacks/Pingbacks

  1. Woanders – diesmal sehr üppig mit Zetteln aus Berlin, einer Brücke, Frauen, die nicht aus Flaschen trinken können, Peter Glaser und anderem | Herzdamengeschichten - 7. Januar 2013

    […] Buchbesprechung zu Gerhard Henschels Abenteuerroman, die so klingt, als würde ich demnächst mal mit der Lektüre der ganzen Romanreihe […]

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