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WamS-Linkschau (4-13): E-Reader als „killing-machines“

17 Feb

Buchläden sind ein Paradies. Zumindest, wenn sie nicht gerade einer großen Buchhandelskette gehören, die das Bestseller-Stapeln perfektioniert haben, aber sicher nicht die Lust aufs Buch fördern. Nein, ich meine die kleinen Buchhandlungen, die von ÜberzeugungstäterInnen geführten Buchoasen in den eintönigen Fußgängerzonen, die geschmackvoll eingerichteten Lesetempel, die mir nichts entgegen schreien, sondern mich gelassen auffordern: Schau Dich um. Nimm Dir Zeit. Atme mal durch.

Ab und zu gibt es solche Buchhandlungen noch. Hier bei uns in Essen sind das zum Beispiel die immer ums finanzielle Überleben kämpfende Proust-Buchhandlung und die aufs studentische Milieu abzielende, den links-alternativen Charme der 70er ausstrahlende Heinrich-Heine-Buchhandlung. Etwas weiter draußen, in manchen Stadtteilen, halten sich mit allerlei Schnickschnack im Angebot noch ein paar kleinere Buchläden. Ansonsten gibt’s eine Mayersche und das war’s dann auch schon.

Es ist wohl nicht schwer vorauszusagen, dass es die kleinen, feinen Buchläden in zehn Jahren nicht mehr geben wird. Die Bücher fliegen dann durch die Luft und landen geräuschlos auf unseren Lesegeräten. Ist das ein Verlust? Sicher, denn es geht ein Stück Kulturgeschichte verloren. Der Abschied vom Buchladen macht einen passionierten Leser ein bisschen wehmütig, so wie den langjährigen Raucher der Abschied von seinem gutsortierten Tabakhändler. (Auch das Rauchen ist ein Stück Kulturgeschichte, das mutwillig von scheinbar um unsere Gesundheit besorgten Politikern zerstört wurde.)

In der FAZ lief jetzt Roland Reuß gegen diese Entwicklung Sturm. Wir erinnern uns: Es ist jener Roland Reuß, der schon vor Jahren gegen Open Access Sturm lief, und sich bald darauf gleich mit der ganzen DFG anlegte. Das Forum bot ihm jedes mal die altehrwürdige FAZ, nur: genutzt hat das wenig. Die DFG ließ sich von Reuß nicht aus der Reserve locken und Open Access ist weiter auf dem Vormarsch. Das liegt daran, dass Reuß gute Absichten hat, aber schnell über das Ziel hinausschießt und dann ein paar Dinge durcheinander wirft.

Seine offensichtliche Abneigung gegen den Versandhändler Amazon meint er damit untermauern zu müssen, dass er tief in die Kramkiste martialischer Beschreibungen greift: Den „Luxemburger Steuerumgehungskonzern“ geißelt er als Totengräber der Buchhandlungen, selbst seine ehrwürdige Heidelberger Alma Mater verlinke ohne Not auf den „mächtigen Distributor“, der es mit „webshops“ in erster Linie darauf anlege, die deutsche Buchpreisbindung zu unterlaufen und die Studis nun auch noch mit besonderen Konditionen bei seinem „Trade-In“-Programm locke. Pfui, da macht einer richtig Asche mit guten Ideen: Ist das eigentlich erlaubt?

Wenn ich mich recht erinnere, habe ich in meinem ganzen Studentenleben kaum ein Buch zum regulären Buchhandelspreis erworben. Schon im Münster der 80er-Jahre gab es eine ganze Armada von modernen Antiquariaten, in denen buchhungrige Germanistik-Studenten wie ich immer fündig wurden. Damals sorgten sich keine Hochschullehrer um die Buchpreisbindung, im Gegenteil, so manchen Prof sah man höchstpersönlich in den Regalen stöbern.

„Wer umgekehrt Buchhandlungen als Teil seiner privaten Ökosphäre und seiner persönlichen Lebensqualität schützen will, muss wachsam sein. Mag der Ort auch noch so klein sein, in der Lüneburger Heide, der Uckermark, der Südpfalz, der Niederlausitz, dem Allgäu – wo eine Buchhandlung ist, existiert auch, belesenes und motiviertes Personal vorausgesetzt, eine Bildungsanstalt im Kleinen.“

Es macht sich ein seltsamer Nationalismus breit: Aus Sorge um deutsche Buchläden wird ordentlich gegen das „amerikanische IT-Kapital“ gekoffert. Deutsche kauft nur in deutschen Buchläden, oder wie? Im Interview mit dem „Buchreport“ hält Reuß nicht mehr an sich: Amazon wolle die Buchhandlungen „abmetzeln“ und:

„Die beuten systematisch die Faulheit der Leute aus (Bequemlichkeit) und schaden nicht nur der Buchbranche, sondern dem Einzelhandel insgesamt – und zwar massiv. Das wird bald auch ein wirtschaftliches Problem in jeder Region Deutschlands werden. Mich wundert, warum die Landtags- und Bundestagsabgeordneten vor Ort nicht stärker in die Pflicht genommen werden.“

Selbstredend, dass E-Books in diesem Zusammenhang Teufelswerkzeuge sind:

„Die E-Books sind keine Bücher, für die Vertreiber sind sie nichts anderes als geschickt versteckte Marketinginstrumente, bei denen über WLAN Lektüreverhalten kontrolliert und ausgewertet wird. Für die braucht man aber keine Buchhandlung, da reichen bundesweit eine Handvoll Techniker in einem zentralen Büro mit ein paar Servern. Und genau das gibt es schon längst bei Amazon. Buchhändlern zu empfehlen, auf so etwas zu setzen, ist wie ihnen die Visitenkarte des nächsten Bestattungsunternehmens zukommen zu lassen. Deshalb habe ich von E-Book-Readern als killing-machines gesprochen.“

An die Seite des aufkeimenden Nationalismus gesellt sich also noch Paranoia. Leider ist wohl davon auszugehen, dass die meisten Verlagsverantwortlichen hierzulande so oder so ähnlich denken. Bis zu einem gewissen Maß kann man es sogar verstehen: Wenn es ans Eingemachte geht, glaubt man gern den absurdesten Verschwörungstheorien. Allerdings findet man so keine Auswege.

Die Tatsache, dass Kritiker wie Roland Reuß nicht mehr auf die Reihe bekommen, als das „amerikanische IT-Kapital“ als Gesetzesbrecher an den Pranger zu stellen, zeigt ihre ganze Hilflosigkeit. Nein, das ist nicht die richtige Antwort auf Amazon & Co. Die richtige Antwort bestünde darin, Amazon auf dem Markt zu begegnen. Wer Amazons Siegeszug beenden will, braucht bessere Ideen, als nach dem Bundestag zu rufen. Aber dazu bedürfte es amerikanischen Unternehmergeistes: Wer die Buchhandlungen retten will, darf sie nicht als Bildungsanstalten sehen, sondern muss sie als Marktteilnehmer begreifen.

WamS-Linkschau (3-13): Entnegerung in Obervolta

2 Feb

Mittlerweile hat sie sich ja schon wieder etwas beruhigt, die aufgeregte Debatte um schlimme Wörter in Kinderbüchern. Den glanzvollen Höhepunkt setzte der Literaturmann Denis Scheck in seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“: Dort trat er mit schwarz angemaltem Kopf und weißen Handschuhen auf und wetterte gewohnt wortgewandt über den Kniefall der Literatur vor dem „übergriffigen“ politischen Korrekturbedürfnis. Liebe ARD, bitte denk‘ doch in Zukunft bei solchen Aktionen ein bisschen mit: Dieser Part wäre doch rein namenstechnisch viel besser in der unmittelbar vor „Druckfrisch“ stattfindenden Sendung „TTT“ mit Dieter Mohr aufgehoben gewesen.

Nun ja. Aber auch so war die spinnerte Debatte natürlich ein wunderbarer Spaß. Besondere Freude hatte ich am antriebslos vor sich hinfaselnden Burkhard Müller in der SZ vom 15. Januar (S. 11). Der Mann glänzte den halben Beitrag über mit seltsamen Weisheiten über das Wesen der Geschichte („Man darf die Geschichte nicht nur ändern, man kann ja gar nicht anders.“ oder „Geschichte ist nicht, Geschichte wird getrieben, und wie das geschieht, ist starken epochalen Schwankungen unterworfen.“). Und so litt auch sein Artikel unter epochalen Schwankungen, gipfelte aber in dem schönen Satz:

„Was wollen die Befürworter der historisch unverfälschten Kinderbücher wirklich schützen? Den dichterischen Wert von Lindgren und Preußler? Die beiden sind, mit Verlaub, dann doch nicht Goethe.“

Und das ist dann, mit Verlaub, Bullshit. Wir messen dann also alles an Goethe, und wer nicht so gut ist, dem fuhrwerken wir mal ordentlich in seinen Texten herum? Ja, vielen Dank, Herr Müller. Man hätte sich gewünscht, dass die SZ-Redaktion diese Anregung mal direkt auf Burkhard Müllers Text selbst angewendet hätte.

Ein anderer Burkhard Müller (sic!), nämlich ein Burkhard Müller-Ullrich, nahm sich im Deutschlandradio des Falles an und war ganz anderer Meinung als sein Fast-Namensvetter in der SZ:

„Selbst die Bibel ist vor dem Furor der linguistischen Reinigungsbrigaden nicht gefeit und wird jetzt „in gerechter Sprache“ angeboten. Dagegen ist die Entnegerung einiger Kinderbücher fast harmlos. Sie ist ja vor allem eine kommerzielle Operation, mit der ein datiertes Stück Literatur in eine künstliche Zeitlosigkeit versetzt werden soll – als ob man nicht auch Kindern ein Geschichtsgefühl vermitteln könnte, das den einfachen Zusammenhang: ‚Früher sagte man Neger, aber heute besser nicht‘ umfasst.“

Yo.

Jan Fleischhauer meldete sich in seiner SPON-Kolumne zum Thema, die irgendwie spiegeltypisch ganz schmissig war, aber dem Ganzen nun auch nicht den entscheidenden Dreh gab. Erinnerlich blieb mir allerdings die schöne Anekdote über den ollen Sprachdiktatoren Wolf Schneider:

„Zu meinen Ausbildern in der Journalistenschule gehörten nicht die braven Menschen aus Darmstadt, die jedes Jahr das Unwort des Jahres suchen, sondern der strenge Sprachlehrer Wolf Schneider, der für politische Vorgaben wenig Interesse hatte und Burkina Faso unverdrossen weiter Obervolta nannte, weil er nicht bei jedem drittklassigen Militärputsch die nächste Staatsumbenennung mitmachen wollte, wie er uns leichthin mitteilte.“

Ja, wo wären wir ohne die alten Berserker? Zu denen, glaube ich, auch Feridun Zaimoglu gehört? Nun, wie auch immer. Der berserkerte sich durch ein kurzes Interview:

„Ein fanatisierter Korrektor hält den Finger über die Löschtaste. Sein Selbstverständnis: Er gehört zu den Guten. Er begradigt, er berichtigt, und bezähmt damit die Bestie Mensch. Er skandalisiert das unbehagliche Leben. Er retuschiert die Bilder der Entstellung und der Verzerrung. Ein Selbstbetrug. Meist ist der Retuscheur ein Kindskopp mit abgeschlossenem Studium. Die Niedlichkeit ist ein Abschlussfirnis. Er bekämpft nicht das Übel, er dämpft und fälscht.“

So, da habt Ihr es, Ihr Kindsköppe. Und jetzt ist Ruhe im Karton. Ist ja nicht zum Aushalten.

Kavanian

25 Jan

So fürchterlich viel konnte ich mit dem Namen Rick Kavanian gar nicht anfangen. Klar, ich kannte ihn aus vielen Szenen und Kinofilmen mit Bully Herbig, ich wusste, dass er ein begnadeter und vielbeschäftigter Synchronsprecher ist. Aber als Bühnenfigur war er mir nicht so präsent. Um so erwartungsloser waren wir nun bei seinem Gastspiel in der Gelsenkirchener Kaue.

Zweieinhalb Stunden stand K. auf der Bühne, allein mit einem Mikro und einem Glas Wasser. Mehr braucht der Mann nicht, denn er macht alles mit seiner Stimme, seiner Intuition, seiner Schlagfertigkeit und seinem unbändigen Sinn für Humor. Die Rahmenhandlung des Abends – Rick Kavanian ist wegen einer Lappalie angeklagt – ist völlig zweitrangig und dient nur als lockere Möglichkeit, möglichst viele Personen auftreten zu lassen, die in unterschiedlichsten Dialekten in Dialog treten. Zuweilen stehen virtuelle vier bis fünf Personen auf der Bühne und K. schafft es mühelos, diese Personen miteinander sprechen zu lassen. Seltsamerweise hat man auch als Zuschauer kein Problem mit der Vielfalt der Personen, obwohl man ja nur eine Person sieht und hört.

Prominente sind zur Gaudi des Publikums natürlich auch dabei: Jürgen Klinsmann mit toller Kiecksstimme, Alfons Schuhbeck im Ingwerwahn, die Klitschko-Brüder, die verzweifelt versuchen, trotz ihres Akzents „Carglass“ oder „Milchschnitte“ auszusprechen. K. erzählt wunderbar absurde Geschichten von Ayurveda-Kuren, Mond-Expeditionen, Deutschkursen für somalische Piraten, Fahrten mit indischen Taxifahrern in Düsseldorf, einem neuen Namen für Mesut Özil und dem Versuch, in Leipzig eine Paracetamol-Tablette im Hotel zu bekommen.

Das alles macht überhaupt keinen Sinn, soll es auch nicht, muss es auch nicht. Es ist einfach nur irrsinnig komisch, albern, artistisch. Zum Glück ist es kein Kabarett – das wäre zu anstrengend. Und es ist auch keine Comedy – dazu ist K. einfach zu smart.

Gerhard Henschel: Abenteuerroman

5 Jan

HenschelDas ist so ein Buch, nach dessen Lektüre man erst einmal kein anderes Buch beginnen kann. Das einen ständig begleitet. Man sitzt im Büro und ist in irgendetwas vertieft und dann kommen einem plötzlich die Figuren und Bilder dieser Buches in den Sinn. Und dann sinniert man zwischen zwei Meetings über die Erlebnisse dieses Martin Schlosser und seiner bemerkenswerten Sippschaft. Fragt sich, ob seine seltsame Freundin Heike nicht doch einen totalen Sockenschuss hat und ob seine Mutter wirklich an Krebs erkrankt ist? Und vor allem fragt man sich: Wann kommt wohl der nächste Band?

Vier richtig dicke Bände hat Gerhard Henschel seinem Helden Martin Schlosser schon gewidmet: In der frühesten Kindheit (Anfang der 1960er Jahre) mit dem Kindheitsroman (2004) beginnend, leiden und leben wir in den Folgebänden (Jugendroman; 2009 und Liebesroman; 2010) mit Martin durch die Pubertät, erkunden mit ihm die Welt, lesen viel, lieben mit ihm Borussia Mönchengladbach, entdecken mit ihm die Welt der Politik, genießen die Brieffreundschaft mit seinem alten Freund aus Kindheitstagen und lassen uns in regelmäßigen Abständen von seinem Vater anblaffen: „Bring‘ dein Fahrrad in den Keller.“

Manch‘ Literaturkritiker aus den Großfeuilletons bescheinigt Henschels Büchern schon jetzt den Status eines „einzigartigen Romanprojekts“ – und man ist geneigt, dieser Ansicht zuzustimmen. Denn eine auf solche Breite und Tiefe angelegte Familiengeschichte kennt man eigentlich nur von Walter Kempowski, dessen monströses Gesamtwerk ja auch erst sehr spät erkannt und gewürdigt worden ist. Doch nicht nur, was den Umfang des Werks angeht, hat sich Henschel an Kempowski orientiert. Die gesamte Erzählweise in Henschels Büchern trägt unverkennbar die Handschrift des knorrigen Meisters aus Nartum.

So wird locker in einem durcherzählt: Es gibt keine Kapitel, keine sorgsam aufgebauten Spannungsbögen, kleine Cliffhanger. Absatzweise fräst sich Henschel durch das Leben seines Helden: scheinbar wahllos werden Ereignisse, Gespräche, Gedanken, Briefe aneinandergereiht, oft nur in ganz kurzen, lakonischen Worten:

„Ein Attentäter hatte Ronald Reagan mit mehreren Schüssen niedergestreckt.
John Hinckley. Der wollte wohl in die Geschichte eingehen. Reagan hatte nur eine Lungenverletzung davongetragen; sein Gesundheitszustand war stabil.
Nach Mamas Meinung waren die Amerikaner selber schuld. ‚Bei denen läuft doch jeder Hans und Franz mit’m Schießprügel durch die Gegend!‘
So war das eben in God’s own country.“

(Abenteuerroman, S. 172, 2012)

Und so kommt man in den Sog. Man kann sich dieser Erzählweise einfach nicht entziehen. Man muss immer weiter lesen. Und man bekommt nicht genug von diesen unendlich vielen kleinen Geschichten über den Segen der Badewanne, den heimwerkenden Vater, die ganzen Schnurren aus der weitverzweigten Verwandtschaft, die ganzen peinlichen Pubertätsprobleme, den ganzen Horror in der Schule mit ihren verkorksten Paukern, die ganzen dummen Sätze, die immer und immer wieder in einer Familie gesprochen werden, und auch die unausgesprochenen Animositäten der genervten, unter ihrer Ehe leidenden Eltern, die sich dann doch immer wieder still ertragen, weil die Familie eben nicht immer nur die Hölle sein darf, sondern auch der einzige Ort ist, wo wir ganz wir selbst sind.

„Im Garten gab’s eine Neuerung: überdachte Tomatenstauden. Sonst war alles beim alten, trotz gehabter Weltreise. Der alte Ehetrott.
Eduscho & Melitta. Blumenkohl & Kartoffeln. ARD & ZDF.
Wilkinson, Togal und Ajax.“

(Abenteuerroman, S. 251, 2012)

Die große Leistung, die Gerhard Henschel hier erbringt, ist nicht nur die bestechende literarische Qualität seines Werks. Dieser liegt eine schier unglaubliche Recherchewut zugrunde. Fußballergebnisse, Kinopremieren, Spiegel-Schlagzeilen, politische Ereignisse, Fernsehsendungen, Alltagskultur, all das flicht Henschel mit leichter Hand in den Erzählstrom ein. Und so ergibt sich das wunderbare Zeit- und Sittenbild einer Generation, die im kulturellen Gedächtnis dieser Republik noch keinen festen Platz hat: Nämlich die Generation jener, die im Schatten der 68er groß wurde und über die nie irgend jemand spricht oder schreibt. Weil Nachkriegszeit, Achtundsechzig und die DDR immer jene großen Themen waren, die die Debatten beschäftigt haben.

Für die Generation der Martin Schlossers (und eben auch Gerhard Henschels, der von 1962 ist) – meine Generation – hat sich kaum einmal ein Feuilletonist interessiert. Wir haben uns nie durch irgendwas hervorgetan – wir waren immer nur die Nutznießer jener Vorkämpfer, die die Kinderläden ersonnen haben, die antiautoritäre Erziehung und die Erweiterung der Weltsichten. Wir, die Kinder der 60er und 70er Jahre waren die erste Generation, die vom nachwirkenden Nazi-Wahnsinn weitgehend unberührt blieb. Wir mussten uns nicht mehr auflehnen gegen die Engstirnigkeit und die Spießergesellschaft. Wir waren schon in ruhigerem Fahrwasser und hatten das Glück, dass man uns noch nicht in die bildungspolitischen Luftschlösser der Reformpädagogen sperren konnte. Wir waren irgendwie eine glückliche Zwischengeneration, die niemand im Blick hat(te). Und wenn überhaupt jemandem etwas zu unserer Generation einfällt, dann höchstens „Contergan„.

Die Romane Gerhard Henschels künden von der vergessenen Generation, die sich ganz allein einen Weg ins Leben gebahnt hat. So wie Zweitgeborene, deren Entwicklung die Eltern nie so genau im Blick haben wie die der Erstgeborenen oder der Nesthäkchen. Dieser Generation setzt Gerhard Henschel ein Denkmal. O ja, wir haben seltsame Dinge gemacht, zum Beispiel die Gedichte von Volker von Törne geliebt. Wir waren friedensbewegt und mussten alten Männern in KDV-Verhandlungen erläutern, wie wir uns verhalten würden, wenn Russen im Wald unsere Freundin vergewaltigen wollen. Wir sind durch die Welt getrampt, haben Europa mit Interrail erkundet, haben Konkret gelesen und uns in Schüttorf ‚Marilyn Rock‘ angeschaut. Und doch sind uns alle auf die Nerven gegangen: die alten Männer sowieso, aber auch die radikalen Startbahnbesetzer. Die Reagans, Kohls oder Barzels, aber schnell auch Petra Kelly. Wir waren immer irgendwo dazwischen, haben beobachtet, uns gewundert und uns am Schluss kaputt gelacht.

Für diese Generation steht stellvertretend Martin Schlosser. Und ich kann es kaum erwarten, wie es mit seiner Geschichte weitergeht.

Bibliographische Angaben:

Gerhard Henschel: Abenteuerroman.
1. Auflage 2012. 572 Seiten.
Hoffmann und Campe, Hamburg.
ISBN 978-3455403619

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Manfred Tischer von literaturcafe.de hat Gerhard Henschel 2009 auf der Buchmesse interviewt. In dem hörenswerten Audio-Interview spricht Gerhard Henschel unter anderem auch über seine Recherchen zum „Jugendroman“: Interview mit Gerhard Henschel (mp3)

Sommerlektüre 2012

27 Jul Sommerfest_Cover

Endlose Tage am Strand, müßig dahingestreckt auf einer gemütlichen Liege: Wie könnte man diese Zeit besser verbringen als mit Lesen? Das habe ich in den vergangenen Wochen – neben Podcast-Hören – auch ausgiebig getan.

Patrick Rothfuss: Die Furcht des Weisen. Die Königsmörder-Chronik. Zweiter Tag.
Normalerweise habe ich es ja nicht so sehr mit Fantasy-Literatur. Aber für Patrick Rothfuss` außergewöhnliche „Königsmörder-Chronik“ mache ich gerne eine Ausnahme, zumal ich auch auch gar nicht so recht weiß, ob es sich hier um Fantasy im klassischen Sinne handeln mag. Eigentlich ist das auch völlig schnuppe, denn die Geschichte um den Helden Kvothe, der in diesem zweiten Teil der Chronik immer noch auf der Suche nach  den sagenumwobenen Chandrian ist, die seine Eltern umgebracht haben, ist prall und süffig.

Große Teile der Geschichte spielen an der Universität, an der sich der mittellose, aber mit vielfältigen Talenten ausgestattete Held durchschlagen muss. Es geht um Freunde, Feinde, kluge Frauen, einen seltsamen Lehrkörper und noch seltsamere Lehrinhalte. Hier ist die Geschichte eigentlich ein verkappter Universitätsroman mit vielen Zutaten der Wissenschaftssatire. Überhaupt schafft es Rothfuss auf wundersame Weise unsere reale Welt immer wieder in seiner Geschichte zu spiegeln. Nur lehrt manch trotteliger Professor an Kvothes Universität nicht Kommunikationswissenschaften, sondern Sygaldrie, und Namenkunde ist hier etwas ganz anderes als wir normalerweise darunter verstehen. Hier geht es darum, den Namen einer Sache wirklich zu erkennen, und dazu braucht es eine lange und unkonventionelle Ausbildung.

Rothfuss hat mich für seinen Roman eingenommen, weil er nie kitschig ist. Immer wenn seine Geschichte Gefahr läuft, in peinlichen Kitsch zu geraten, zieht er die Notbremse und lässt seine Figuren erst mal im Regen stehen. Da können sie dann ein bisschen abkühlen.  Vor allem der hoffnungslos verliebte Kvothe, der nun schon zwei Bände lang der geheimnisvollen Denna nachrennt und immer noch nicht so recht weiß, woran er mit ihr eigentlich ist. Aber auch das ist das Schöne bei Rothfuss: Kvothe ist selten der strahlende Held, ganz oft ist er auch nur ein ganz gewöhnlicher Tölpel wie Du und ich. Und auch hier ist Rothfuss ganz auf der Höhe der Zeit: der heldenhafte Ruf Kvothes beruht halt auf guter Eigen-PR und der Sehnsucht der Leute nach Helden.

Für die ersten beiden Bände seiner Trilogie hat Patrick Rothfuss einige Jahre gebraucht. Bleibt zu hoffen, dass der Abschlussband nicht allzu lange auf sich warten lässt. Ich werde ihn auf jeden Fall lesen. (Rothfuss`Homepage: http://www.patrickrothfuss.com/content/index.asp)

Frank Goosen: Sommerfest
Der Bochumer Frank Goosen ist so etwas wie der Literaturpapst des Ruhrgebietes. Klar, es gibt noch ein paar andere gute Literaten zwischen Kamp-Lintfort und Hamm, aber Goosen hat neben seinen kabarettischen Ambitionen schon ein ganz beachtliches literarische Oeuvre vorzuweisen. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich alle bisherigen Romane von Frank Goosen gelesen, begonnen bei „Liegen lernen“, über „Pokorny lacht“ , „Pink Moon“ oder „So viel Zeit“. Seltsamerweise kann ich mich an keines dieser Bücher auch nur in Ansätzen erinnern. Das mag mit meinem mangelnden Erinnerungsvermögen zusammen hängen, ich vermute aber eher, dass es an Goosens Romanen liegt. Ich habe sie alle gerne gelesen, aber sie entfalten offensichtlich keine nachhaltige Kraft. Zu austauschbar und blaß die Figuren, zu unspektakulär der Plot. Man liest es so weg, es ist ganz nett geschrieben, aber dann greift man ungerührt zum nächsten Buch. So auch bei „Sommerfest“. Dabei hätte die Geschichte durchaus das Zeug gehabt, mehr als eine nette Sommerlektüre zu sein.

Die Handlung spielt am großen A40-Wochenende im Kulturhauptstadtjahr 2010, als das halbe Ruhrgebiet auf den Beinen und zum fröhlichen Stelldichein auf der Autobahn war. Der Schauspieler Stefan Zöllner kehrt aus München in seine Heimatstadt Bochum zurück, um sein Elternhaus zu verkaufen. Was wir als Leser mitverfolgen dürfen, ist ein Wochenende voller skuriller Erlebnisse und Begegnungen und jeder Menge Lokalkolorit. Stefan Zöllner trifft alte Freunde, seine unverwüstliche Omma und vor allem seine große Lebensliebe wieder: Charlotte, genannt Charlie, die immer noch das Lederarmband trägt, das er ihr als Jugendlicher schenkte.

Mit großer Ruhe entwickelt Frank Goosen ein kurioses Ruhr-Panoptikum, immer an der Grenze zum Kabarett, das Goosen ja auch meisterlich beherrscht. Wir besuchen eine typische Ruhrgebiets-Bude, eine Pommes-Schmiede, ein Fussball-Spiel, und bei allem wird unendlich viel Bochumer Bier getrunken.

Wir begegnen einer wilden Schar von Ruhrgebiets-Menschen wie zum Beispiel Toto. Ein nerviger Bekannter aus Stefans Jugendzeit, immer einen flotten Spruch auf den Lippen oder eine wilde Geschichte, etwas unterbelichtet, aber ein unverwüstliches Stehaufmännchen, Faktotum und Adlatus eines gutmütigen lokalen Möchtegern-Gangsters, wilder Fabulierer, unsensibler Null-Checker, anhänglicher, gutmütiger Freund. Bei Toto gelingt Goosen, was ihm bei seinen Hauptfiguren so oft misslingt: Er erschafft einen echten Charakter, nicht nur einen Prototypen.

So weit, so schön. Unterlegt hat Goosen diesen Ruhr-Road-Roman mit einer unüberhörbaren melancholischen Tonspur, die zum Schluss immer lauter wird, bis sie alles übertönt. Bei allem Humor, bei allem Kabarett, ist dieser Roman doch ein traurig-schöner Abgesang auf das alte, das untergegangene Ruhrgebiet der Kumpel. Da hilft dann auch kein fröhliches Fest mehr auf der Autobahn. Am Schluß (Achtung: Spoiler!) bleibt der Exilmünchner Protagonist dann doch in der Heimat und versucht einen Neuanfang in seinem ziemlich verkorksten Leben. Vielleicht wollte Goosen das als Parabel aufs Ruhrgebiet selbst anlegen: Dass man immer wieder aufsteht und sich immer wieder sagt: Es geht doch!

Ich befürchte, ich werde Stefan Zöllner in einigen Wochen ebenso wieder vergessen haben, wie alle anderen Figuren aus den Goosen-Romanen. Das ist vielleicht kein Manko und spricht auch nicht unbedingt gegen diesen Roman. Aber einen werde ich nicht mehr vergessen. Und das ist der nervige Toto.

Cover "Tschick"

Wolfgang Herrndorf: Tschick
Dieses Buch haben wahrscheinlich schon die meisten Menschen vor mir gelesen und Rezensionen gibt es schon genug. Ich bin lange Zeit um dieses Buch herumscharwenzelt und habe es dann doch nie gekauft. Für den jetzigen Sommerurlaub schien es mir jedoch genau die richtige Lektüre zu sein und genauso war‘s. Was für ein Glück, dieses Buch gelesen zu haben! Hier finde ich die großartigen Figuren, die echten Charaktere, die mir bei Frank Goosen immer so sehr fehlen.

Die Geschichte ist in einem Satz nachzuerzählen (und wahrscheinlich liegt darin die große Stärke dieses Romans): Zwei vernachlässigte, pubertäre Außenseiter-Jungs kapern einen alten Lada, kacheln damit durch die Gegend, erleben ein wildes Road-Abenteuer nach dem nächsten, fahren am Ende alles zu Klump und gehen gestärkt aus dem großen Schlamassel hervor.

Mit wunderbarer Unerfahrenheit bewegen sich Tschick und Maik durch die Welt und meistern aussichtslose Situationen durch pure Lebenslust, jugendlichen Leichtsinn und unverfrorene Gewitztheit.  So stellen die beiden am Anfang ihrer Reise fest, das man sie allzu leicht als 14-Jährige am Steuer erkennt und sinnen auf Abhilfe:

„Er legte beide Schlafsäcke als Kissen auf den Fahrersitz, setzte meine Sonnenbrille wieder auf, schob sie ins Haar, steckte eine Zigarette in seinen Mundwinkel und klebte sich zuletzt ein paar Stücke schwarzes Isolierband ins Gesicht, um einen Kevin-Kuranyi-Bart zu simulieren. Er sah allerdings nicht aus wie Kevin Kuranyi, sondern wie ein Vierzehnjähriger, der sich Isolierband ins Gesicht geklebt hat. Am Ende riss er alles wieder runter und pappte sich einen kleinen quadratischen Klebestreifen unter die Nase. Damit sah er aus wie Hitler, aber das wirkte aus einiger Entfernung tatsächlich am besten. Und weil wir eh in Brandenburg waren, konnte das auch keine politischen Konflikte geben.“

Wenn es vor kurzem jemanden gab, der am Meia Praia von Lagos einen Lachflash nach dem anderen hatte, dann war ich das, als ich „Tschick“ las.

Bild

Portimão

19 Jul

 

Und kommst Du dann nach Portimão, dann merkst Du, dass es dem Land nicht gut geht. Jeder zweite Laden steht leer, auf den sonnendurchfluteten Straßen Alte, Versehrte, Verwirrte. Obwohl die Stadt als touristisches Zentrum an der Algarve gilt, wirkt sie ausgebrannt und kraftlos. Weißbeschürzte Kellner auf den Straßen, verzweifelt auf der Suche nach Gästen, fächeln sich mit Speisekarten Luft zu. Am Hafen dümpeln ein paar Alibi-Jachten vor sich hin, alte Männer unterhalten sich leise beim Galão und blicken müde den properen Touristen-Familien aus dem Norden nach, die sich ihrerseits mühen, den gebrochenen Charme in diesen Straßen irgendwie anziehend zu finden. Und so wandern sie dann noch einige Zeit irritiert durch die halbtote Stadt, bevor sie wieder erholt zurückkehren in ihre Triple-A-Länder.

 

Auf LSD mit David Fincher

7 Jul

 

David Fincher muss von seinen stilistischen Überzeugungen geradezu besessen sein. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie viel unendliche Detailarbeit darin stecken mag, Filmräume in ein so perfektes Licht zu tauchen wie in Se7en. Wie viel Wahnsinn gehört dazu, solche Kamerafahrten wie in den eisernen Katakomben des Gefängnisplaneten zu inszenieren? Wie schafft man es eigentlich, Figuren so geschunden und doch gleichzeitig so vital aussehen zu lassen wie Edward Norton in Fight Club, Sigourney Weaver in Alien oder Daniel Craig im Folterkeller von Martin Vanger?

Als ich hörte, dass David Fincher ein Remake von „Verblendung“ plante, hatte ich die schwedische TV-Fassung bereits gesehen und für richtig gut befunden. Mein erster Reflex war, dass „die Amis“ hier mal wieder nur einen guten Stoff für das Ami-Kino vereinnahmen wollten. Doch seit ich gesehen habe, was Fincher daraus gemacht hat, bin ich eines Besseren belehrt. Niemals werde ich wieder daran zweifeln, dass David Fincher einen guten Stoff nicht noch zu veredeln weiß. Wer es nicht glaubt, schaue sich nur die Eröffnungssequenz aus Verblendung an.

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