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Evonik setzt dem Meister ein Denkmal

22 Mai

Sie haben es wieder getan. Die magischen iPad-Magazin-Bastler von Evonik haben dem frischgebackenen Double-Sieger BVB wieder ein fantastisches Denkmal gesetzt. In der Essener Konzernzentrale weiß man offensichtlich, was man dem Imageträger aus Dortmund als Hauptsponsor schuldig ist. Schon im vergangenen Jahr gab es eine hervorragende Ausgabe des hauseigenen Evonik-Magazins als Sonder-Meisterausgabe, die ihresgleichen suchte. Und in diesem Jahr setzen die Magazin-Macher noch eins drauf.

Screenshot Evonik-App

 

Ein bisschen schlucken muss man ja schon: Satte 900 MB muss man saugen, um die Double-Ausgabe komplett aufs Tablet zu ziehen. Dafür gibt’ s dann für den geneigten BVB-Fan die volle Dröhnung, z.B. einen wirklich großartig animierten Saisonrückblick, jede Menge integrierte Videos, einen virtuellen Rundgang durch die BVB-Umkleidekabine, hochwertige Portraits in Bild und Text. Zu den Autoren gehört unter anderem der bekennende BVB-Verrückte Freddie Röckenhaus von der Süddeutschen.

Nicht nur, wenn es darum geht, sich mit erfolgreichen Sponsoring-Maßnahmen zu schmücken, gehört das für das iPad umgesetzte Evonik-Magazin zum Besten, was man überhaupt in diesem Bereich finden kann. Selbst Profi-Magazine wie “Wired” stellt das Evonik-Magazin meiner Meinung nach locker in den Schatten. Ich habe bisher noch kein Corporate-Publishing-Produkt gefunden, das ein Print-Magazin besser in die iPad-Welt übertragen hätte. Man spürt die Lust der Macher, die spezifischen Möglichkeiten eines Tablet-Magazins voll auszureizen und sich für jeden Beitrag etwas Neues, Außergewöhnliches einfallen zu lassen. Realisiert wird das Magazin von der “Redaktion 4, GmbH” in Hamburg. Ein Name, den man sich merken sollte.

 

Pokalfinalus Interruptus

17 Mai

Das Bild des Abends lieferte der Sportsender Sky. Gerade war eines der atemberaubendsten Pokalendspiele der jüngsten Zeit abgepfiffen worden und junge Dortmunder Spieler liefen jubelnd und mit riesigen schwarz-gelben Fahnen ausgestattet durchs weite Rund des Berliner Olympiastadions, da blendete Sky seine unglückselige Expertenrunde ein. Es gehört seit einiger Zeit zu den unergründlichen Besonderheiten dieser Expertenrunde, dass sie immer auf dem Fussballfeld platziert wird. Sommers wie winters sitzen mehr oder weniger honorige Herren – es sind immer und ausnahmslos Herren – an einem halbrunden Expertentisch und diskutieren entweder das Spiel, das gleich noch stattfinden finden wird oder das Spiel, das gerade eben stattgefunden hat. Das ist manchmal putzig, selten unterhaltsam, meistens aber brunzdumm.

Spielertunnel Signal Iduna ParkAm vergangenen Samstag nun, nach dem Ende des Pokalendspiels zwischen Borussia Dortmund und Bayern München, wechselte die Kamera von den feiernden BVB-Jungspunden unmittelbar zur Griesgram-Runde am Spielfeldrand. Dort saßen: In sich zusammengesunken und irgendwie omifiziert wirkend, mit selbsttönender Sonnenbrille und einem zu einem schmalen Strich zusammengepressten Mund der Kaiser himself. Sodann Harald Schmidt, der sich scheinbar den ganzen Abend lang selbst darüber zu amüsieren schien, dass nun ausgerechnet er fussballexpertendämlich am Tische sitzen und nach Herzenslust inhaltslos vor sich hin schwafeln durfte. Zu seiner Rechten schien Ottmar Hitzfeld damit beschäftigt, seinen offenbar in luftige Höhen treibenden Blutdruck kraft seiner Gedanken einfangen zu wollen. Zumindest wirkte er so wie ein vom Verbandspräsidenten jahrelang gedisster und von der Boulevardpresse gehänselter Chefcoach nach dem Verlust der Weltmeisterschaft in der 94. Minute. Ganz rechts gab Jens Lehmann den scheinbar coolen Trenchcoat-Experten, der allerdings klammheimlich mit der Frage beschäftigt zu sein schien, ob er des Kaisers selbsttönende Sonnenbrille stehlen und damit weglaufen solle. Nebst einem blassen Sky-Moderator, der sich im späteren Verlauf der Groteske nicht entblödete, den Kaiser zu fragen, ob er einen BVB-Schal umlegen wolle, und ansonsten enttäuscht zu sein schien, dass man seiner dumpf-bräsigen Runde noch nicht einmal ein paar Bierduschen verpassen wollte.

Dieses Bild nun bot sich dem enthusiasmierten BVB-Fan, der sich eigentlich an jubelnden Spielern delektieren wollte. Ein Pokalfinalus Interruptus sozusagen. Die Szene wäre eigentlich kaum einer Erwähnung wert, symbolisierte sie nicht in idealer Weise, dass das durchritualisierte deutsche Fußballübertragungsexpertentumgetue komplett in Münchner Hand ist. Anders lässt sich die unterirdisch schlechte Laune, die von der Runde ausging, nicht erklären. Nun ist es ohnehin eine Beleidigung durch Sky, wenn es den Kaiser als neutralen Experten zu Spielen mit Bayern-Beteiligung lädt, zur Qual wird es vollends, wenn der dem BVB zugeneigte Zuschauer ausschließlich mit der Ursachenforschung konfrontiert wird, warum die Bayern denn nun so schlecht waren. Dass das faszinierende Spiel so eindeutig ausgefallen war, könnte ja auch damit zusammenhängen, dass eine überragend aufspielende Mannschaft auf dem Platz gestanden hatte. Doch darüber wollten die Experten nicht reden.

Das alles ist symptomatisch. Kaum jemandem scheint aufgegangen zu sein, was sich in den vergangenen zwei Jahren wirklich im deutschen Fußball verändert hat. Das, was der BVB seit zwei Spielzeiten demonstriert, ist nichts anderes als das definitive Ende des Fußballs, wie wir ihn bisher kannten. Dass die Bayern seit nunmehr fünf Begegnungen gegen den BVB keinen Stich mehr bekommen haben, hat nichts mit der Schwäche der Bayern zu tun. Es hat ausschließlich damit zu tun, dass sie nicht in der Lage und Willens sind, zu analysieren, wieso der BVB immer besser ist. Direkt nach den Niederlagen haken sie immer alles ganz schnell ab und gehen zur Tagesordnung über. Mia san mia. Ein folgenschwerer Fehler. So werden sie nie dahinter kommen.

Der BVB hat alles abgestreift, was in der Vergangenheit deutsche Fußballerbeine schwer machte. Dümmliche Leitwolf-Phantasien Erich Ribbeck’scher Provenienz, Berti Vogt’sche Verkniffenheit, taktische Allerweltsweisheiten à la Otto Rehhagel. Der BVB hat zwei Jahre lang unglaublich intelligent Fußball gespielt – von einigen unerklärlichen Auftritten in der CL mal abgesehen. Während der ganze Rest der Liga noch auf dem Niveau von Waldis EM-Club kickte, übte sich der BVB längst im filigranen intellektuellen Florettfechten des Philosophischen Quartetts. Die unergründlichen Laufwege des Kagawa Shinjii, die kompromisslose Ubiquität des Manni Bender, die robuste Rastlosigkeit des Robert Lewandowski, der nie versiegende Ideenüberschuss des Mario Götze, die majestätisch-erhabene Raumsicherheit des Mats Hummels. Das BVB-Spiel ist facettenreich und komplex. Und es braucht ein bisschen mehr als ein paar schwatzhafte Ex-Fussballer, um es zu verstehen und einem Millionenpublikum unterhaltsam zu vermitteln.

Ja, die mies gelaunten Experten im Berliner Olympiastadion müssen es instinktiv gespürt haben: sie können die Schönheit und Größe des BVB-Spiels noch gar nicht fassen und beschreiben. Deshalb reden sie immer über die Bayern. Die spielen den Fußball von gestern. Den verstehen sie.

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