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Die Medien und das Essen – eine Polemik

28 Okt

Die Medien und das Essen – das ist mittlerweile eine Geschichte voller erstaunlicher Phänomene. Denn kaum etwas ist in den vergangenen Jahren stärker emotionalisiert worden als unsere Ernährung. Alle Diskussionen dominiert der hoch erhobene Zeigefinger, was übrig bleibt ist Verunsicherung und schlechtes Gewissen.

Mir ist jedenfalls mittlerweile der Appetit vergangen. Jedenfalls dann, wenn ich aufgefordert oder gezwungen bin, gemeinsam mit anderen Leuten über Fragen des Essens zu reden oder nachzudenken. So wie jetzt wieder – bei der ARD Themenwoche „Essen ist Leben“. Fast rund um die Uhr wird man auf allen Kanälen mit dem Thema konfrontiert und – es ist ein einziges Ärgernis. Ich empfinde es mittlerweile als Belästigung, wenn sich sich Medien aufschwingen, das Volk zum vermeintlich Guten zu erziehen. Denn nichts anderes ist ja beabsichtigt, wenn lauter schlanke Gutmenschen vom Segen der Vitamine, vom Bock auf Brokkoli und von der Freude am Tofu schwadronieren.

Obst, Gemüse

Politisch korrekter Marktstand auf dem Wiener Naschmarkt.

Wer es sich heutzutage traut zuzugeben, dass er gern mal ein Steak, einen Burger oder ein Wurstbrötchen isst, ist moralisch eigentlich auf einer Stufe mit Massenmördern anzusiedeln. Denn kaum geht es in Medien, vorzugsweise im TV, um Fleisch oder Fleischverzehr wird der Zuschauer mit Bildern von grauenhaften Mastbetrieben, von blutigen Schlachthöfen und gequälten Tieren unter Druck gesetzt. Wer sich danach noch traut, ein Leberwurstbrötchen zu essen, kann nur ein Unmensch sein.

Abseitige Ernährungsphilosophien haben Hochkonjunktur. Wer nur das isst, was Pflanzen übrig lassen, kann ein großer Fernsehstar werden. Wer sich ausschließlich von Blättern und Würmern ernährt, hat große Chancen auf eine Einladung als Ernährungsexperte bei Maischberger & Co. Besonders beliebt ist es, medizinische „Ernährungsstudien“ (deren Validität so gut wie nie hinterfragt wird) heranzuziehen, die natürlich immer eindeutig beweisen, dass bestimmtes Essverhalten entweder unweigerlich zum baldigen Hinscheiden führt oder doch zumindest die Krebswahrscheinlichkeit vervielfacht. O, wir armen Sünder.

Und es wird gekocht auf Teufel komm raus. Man schalte die Glotze zu einer beliebigen Tageszeit ein: Immer steht einer da, im weißen Frack, und kocht gerade irgendwas zusammen. Natürlich nur Gesundes, 100% bio, wie immer! Dabei ist Kochen im TV ja komplett sinn-los: man riecht nichts, man schmeckt nichts, und selbst die Fernsehköche essen ihr eigenes Zeug offensichtlich nicht, so gertenschlank wie die alle sind. Insofern passt das ganze TV-Kochen ganz wunderbar in die sinnenfeindliche Esskultur der Gegenwart.

Und so sitzen sie dann da, all die verunsicherten Esser in ihren Kantinen und Küchen und stochern freudlos in ihren Salaten mit den fettarmen Dressings herum. Nein, sie haben es uns vollkommen ausgetrieben: Das saftige Schlemmen, die bedenkenlose Hingabe an den schönen Moment des Genießens, das unvernünftige Zuviel vom prallen Leben. Nein, wir sind lieber die Supersportler, die jedes Weingummi abends mit zusammengekniffenen Lippen wieder abtrainieren. „Immer schwitzend, immer Durst, und kein Gramm Fett zu viel“, sang schon Sven Regener.

Na ja, ich für meinen Teil werde erst wieder eine Kochsendung schauen, wenn dort ein ganz dicker Koch auftritt. Und er soll dann mit seinen runden Pausbäckchen in die Kamera lächeln und verkünden, dass nur das Kochen mit viel Fett das einzig Wahre sei. Dann werde ich ihm zuprosten und mich daran erfreuen, wie er gerade ein Pfund guter Butter in der Pfanne auslässt.

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