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Das Ohr des Automechanikers

26 Apr

Jeder lebt in seiner Welt. Die Tennisspieler in der Welt des Tennis, die Priester in der Welt des Glaubens, die Lehrer in der Welt der Schule. Selbst, wenn man ein weltoffener Mensch ist und die Antennnen immer auf Empfang gestellt hat, bleibt man doch meistens dem verbunden, mit dem man sich tagsüber in der Regel beschäftigt. Man wird – ob man will oder nicht – ein wenig blind für die Vielfalt der Welt. Und doch ist es so: Es passiert alles gleichzeitig, es passiert alles jetzt, in diesem Moment. Der Tennisspieler trainiert seine Vorhand, der Priester gibt die letzte Ölung, der Lehrer erklärt.

Vor einigen Tagen suchte ich eine Autowerkstatt auf. Der dumme Wagen ging während der Fahrt einfach immer aus. Eine Lösung musste her, aber eine nicht allzu teure. Die Phantasiepreise der Vertragswerkstätten war ich nicht bereit zu zahlen. Also suchte ich eine kleine, aber kompetente Autowerkstatt mit dem speziellen Charme und den kleinen Preisen. Gar nicht weit weg, im Schatten der A 42, irgendwo im Niemandsland von unerforschten Ruhrgebietsstadtteilen, wurde ich auf einen Schilderwald mit Hinweisen auf eine Autowerkstatt fündig. „HU/ASU hier“. Außen ein rostiger Eisenzaun, dahinter bestürzende Enge, eine windschiefe Halle. Durch blinde Fenster lugen. Aufkleber aus 40 Jahren Automobilgeschichte. Verwitterte Autoveteranen, ohne Nummernschild, dicht an dicht. Halbherzig die wacklige Klinke drücken. Drinnen Schummerlicht, Hebebühnen, Ölfässer, Stoßstangen, Dieselgeruch, ein Azubi im zu weiten Blaumann, ein Faktotum dreht sich eine Zigarette mit Bantam-Tabak, ein Vorarbeiter mit Baseballkappe. An ihrem Schirm haben sich dunkle Schweißrändern gebildet.

Autowerkstatt

Foto: Jan Sonnabend

Jeder lebt in seiner Welt. Ich: iPad-Welt, die hier: Öl-Welt. Ich erkläre mein Problem, Schweißrand-Cap führt mich ins Büro. An der Tür steht „Büro“ und „Nur Barzahlung“, drinnen angemörftes 70er-Mobiliar, Chaos-Schreibtisch, ein Super-Sonderangebot: „Römer Kindersitz, wie neu, 120 Euro“. Unter dem Schreibtisch eine schmutzige Kinder-Plastik-Parkgarage der Marke Wader, an den Wänden Zertifikate für Abgas-Spezialwissen in altdeutscher Schrift. Ölige Enge, einige Leitz-Ordner, Autoradios gestapelt, Ölkännchen, ein Kaffeeautomat. Vorherrschende Farbe: ein bräunliches Grau-Braun-Grau.

Erst mal ein Kaffee, es ist Mittagspause. Schweißrand-Cap fragt mit „Hallöchen“-Singsang telefonisch die Ersatzteil-Preise für eine Mitsubishi-Stoßstange ab. Ich checke derweil am Smartphone meine Facebook-Einträge. Nach der Mittagspause kommt Leben in die kleine Werkstatt. Hebebühnen qieken auf und ab, Motoren heulen auf, es wird gehämmert. Dann endlich beschäftigt sich ein Mechaniker mit meinem Auto. Aha – ein Messgerät wird angeschlossen, das die Elektronik nach Fehlern durchforstet: Auch im Land, wo Öl und destilliertes Wasser fließen, geht nichts mehr ohne moderne Elektronik. Wie zur Bestätigung dieser These lädt das Messgerät erst mal minutenlang ein Firmware-Update.  Dann irgendwann spricht das Elektronik-Orakel sein Urteil: 0 Fehler.

Hm, wir sind so schlau als wie zuvor. Wieselflink hechtet sich der untersetzte Mechaniker aus dem alten Golf, umkreist den Wagen und versenkt dann seinen Kopf fast zur Gänze und für einige Minuten im tuckernden Motorraum. Er lauscht der einzigartigen Wolfsburger Symphonie. Er lauscht weiter, hantiert an Leitungen und Kabeln herum und ruft zwischendurch den Azubi sich:

„Manni, ich brauch mal Dein Ohr!“ – Manni kommt.

„“Hörste dat?“ – Manni lauscht.
„Ja.“

„Kommt dat von da oder von da?“

Manni zeigt auf die Stelle, wo sein Ohr das Geräusch verortet.

Nach einigen Minuten dann die messerscharfe Analyse. Drosselklappe blabla, verdreckt blabla, säubern blabla, 150 Euro.

Es war nicht die elektronische Wunderwaffe aus Stuttgart, es war das geschulte Ohr des Ölverschmierten aus Altenessen, das die Lösung fand. Wir vertrauen unser Leben immer mehr der Elektronik an, doch die kann nur Standard. Wir verlassen uns immer mehr darauf, dass uns elektronische Geräte durchs Leben leiten, aber die haben keine Ohren und keine Erfahrung. Manchmal wünschte ich, wir würden uns wieder mehr auf unsere Sinne, unsere Erfahrungen, unser Gefühl verlassen.

Einen Tag später fuhr ich das reparierte Auto wieder nach Hause. Ich fuhr zurück in meine Welt der Tastaturen, Touchscreens, Clouds, Bits. Ich mag meine Welt. Und doch dachte ich voller Wehmut an den kleinen Mann aus jener Welt, in der man Fehler noch hören kann.

Der gläserne Netzbürger? Über Verantwortung und Kompetenz im Internet

15 Feb

Wer sich in der Welt bewegt, setzt sich Risiken aus – das ist in der digitalen nicht anders als in der realen Welt. Trotz allem sind die Risiken, die im Web auf den scheinbar arglosen Nutzer warten, immer ein großes Thema im öffentlichen Diskurs. Wenn von Facebook die Rede ist, dann eigentlich immer nur im Zusammenhang mit Datenschutz oder der bedrohten Privatsphäre. Mit Google assoziiert heute kaum noch jemand die faszinierende Suchmaschine oder die innovative Webfirma, sondern nur noch die „Datenkrake“. Apple, einst sympathischer Underdog, der das verhasste Microsoft-Imperium herausforderte, ist heute die gierige Geldmaschine, die mit ihren geschlossenen Systemen und Gadgets die Nutzer entmündigt und alle Geschäftspartner nach Strich und Faden ausquetscht.

Ob all die Ängste, die Verschwörungstheorien, die Vorwürfe, die dunklen Ahnungen reale Grundlagen haben, weiß niemand so genau und schlüssig zu nachzuweisen. Immer aber steht die These im Raum, dass von diesen Unternehmen Gefahren ausgehen. Gefahren, vor denen sich der Internet-Nutzer schützen müsse. Gefahren, die sich irgendwann negativ auswirken werden, wenn man sie nicht ernst nimmt.

Normalerweise geht die Rede so: Was da am Ende auf uns wartet, sind nichts weniger als gigantische Oligopole, die jeden Winkel unserer Wünsche und Sehnsüchte erforscht haben, die wissen, was wir suchen und wünschen und die auch wissen, was wir suchen werden und in Zukunft begehren werden. Mächte, die jedes Wort mitlesen, das wir schreiben, die erforschen, wer unsere Freunde sind, die jeden Klick überwachen, unsere Bilder ansehen und auswerten, jede öffentliche Äußerung protokollieren und am Schluss dann Profile erstellen über unsere politischen Einstellungen, unsere Kreditwürdigkeit, über unseren Wert und unsere Prognose als Arbeitnehmer und als Konsument. Am Ende steht der vollständig berechnete Mensch. Und der Algorithmus wird zum Herrschaftsinstrument.

„Am Ende steht der vollständig berechnete Mensch.“

Es gibt wohl nicht wenige Menschen, die vor solchen Szenarien Angst haben. Die Intransparenz der Facebooks, Googles und Apples ist auch nicht gerade dazu angetan, abzuwiegeln oder zu beschönigen. Auf der anderen Seite gibt es auch keinen Grund, ohnehin schon verunsicherte Netzuser mit Horrorgeschichten aus dem Science-fiction-Arsenal sämtlicher Souveränität, Freude und Kreativität  im Umgang mit dem Web zu berauben. Aber eines ist klar: Die Zeit der Unschuld ist im Web schon lange vorbei. Wir müssen uns längst schon nicht mehr nur gegen Viren schützen, sondern gegen die allzu große Wissbegier derer, die uns ein angenehmeres Leben voller glücksverheißender Anwendungen auf technisch faszinierenden Geräten versprechen.

Doch wie soll man das tun, ohne gleich paranoid zu werden, ohne übertriebenen Sicherheitsfimmel, ohne gleich überall das Böse zu wittern? Was uns allen fehlt, ist eine Sozialisation, die uns einen lang eingeübten Umgang mit den Risiken im Netz vermittelt hätte. Denn irgendwie war es plötzlich da, dieses Web, und irgendwie mussten wir uns in ihm zurechtfinden. Niemand hat uns gezeigt, worauf wir achten müssen. Nur die Viren-Software-Hersteller haben es frühzeitig geschafft, unsere Aufmerksamkeit zu bekommen: Na klar, Viren, da sind wir Deutschen auf Zack und auf der Hut.

„Wir müssen lernen, dass Arglosigkeit fehl am Platz ist.“

Aber sonst? 120 Seiten Nutzungsbedingungen einer Web-Anwendung im feinsten Juristendeutsch klicken wir mal locker weg (wer sollte die auch ernsthaft lesen?), munter überall die Kreditkartendaten verteilen, die berühmten Party-Fotos bei Facebook posten, besoffen twittern, mal schnell einen Song aus einer dunklen Ecke saugen: Das alles machen eine Menge Leute locker aus der Hüfte mit der linken Maustaste, ohne sich großartig zu sorgen.  So schlimm ist das ja eigentlich auch alles gar nicht. Wie im echten Leben wollen die Leute es im virtuellen Leben auch mal ab und zu richtig krachen lassen.

Verständlich? Ja.

Vernünftig? Nein.

Nein, wir müssen lernen und unseren Kindern vermitteln, dass diese Art von Arglosigkeit fehl am Platz ist. Wir dürfen die Risiken nicht verharmlosen, aber die Gefahren auch nicht überhöhen. Das Web ist da und es ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel: Wir brauchen es. Aber wir dürfen nicht wie die Dorftrottel in ihm herumlaufen.

In der Konsequenz heißt das:

–   Nicht jeden Hype als Erster mitmachen. Erst mal schauen, welche Erfahrungen die Early Adopter machen.

–   Mit Daten geizen. Und: Niemand zwingt uns, immer der zu sein, der wir sind.

–   Den Überblick bewahren: Niemand muss in acht social networks gleichzeitig sein.

–   Ein bisschen Tech-Know-how kann nicht schaden: Die wichtigsten Funktionen im Browser sollte man schon kennen. Das kann jeder lernen.

Es gibt keine Alternative zum Web. Es sei denn, man nutzt es nicht. Aber das wäre widersinnig: Niemand verschmäht das Autofahren nur, weil es potenziell gefährlich ist. Aber Autofahren ist nur dann halbwegs sicher, wenn man vorausschauend fährt, umsichtig und mit einer gehörigen Portion Respekt. Also rein ins Web. Mit dem größten Vergnügen. Aber im Oberstübchen sollte immer ein bisschen Licht brennen.

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