Tag Archives: Ökonomie

Krisengedanken, oder: Wo ist eigentlich Georg Schramm?

31 Jul

Seit wie vielen Monaten schauen wir jetzt fassungslos auf die immer neuen Kapriolen der Politik in Sachen Banken- und Finanzkrise? Jeden Tag neue Finanzlöcher und Schreckensnachrichten, Rettungsschirme, die nicht groß genug sind. Konzepte, Rezepte, Meinungen en masse. Jeden Tag erklären uns die immer gleichen Gesichter, warum das, was jetzt unbedingt gemacht werden muss, ohne Alternative ist. Jeden Tag werden die Summen größer: Es dauert wohl nicht mehr lang, dann werden aus den Milliarden Billionen werden. Dazu die kryptische Sprache der Ökonomen: Euro-Bonds? Target2? Comprende? Dazwischen die eiserne Kanzlerin, in Brüssel, in Paris, in Rom: lächelnd, im bunten Blazer, neue Vorschläge brüsk ablehnend, dann zurückrudernd, schließlich klammheimlich doch zustimmend.

Ich frage mich, wo eigentlich die große intellektuelle und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dieser verheerenden internationalen Geldkrise bleibt? Warum empören wir uns eigentlich nicht angesichts des Kasperletheaters dieser ganz offensichtlich überforderten Menschen, die sich jeden Tag als Euro-Retter aufspielen?

Weil eh keiner mehr durchblickt? Kann sein. Aber das wäre um so schlimmer.  Mir scheint, dass man in Deutschland noch gar nicht so richtig begriffen hat, dass da gerade eines der wichtigsten europäischen Projekte der jüngeren Geschichte den Bach runtergeht. Es scheint uns völlig gleichgültig zu sein. Wir streiten uns lieber monatelang über weltbewegende Themen wie das Urheberrecht. Diesen ganzen unappetitlichen Geldkram überlassen wir lieber den hütchenspielenden Volkswirten: Die werden’s schon richten. Oder auch nicht. Wieso nehmen wir es eigentlich hin, dass diejenigen, die uns die ganze Suppe eingebrockt haben – die Banker – bis auf den heutigen Tag ihr unverantwortliches Tun ungestraft weiterführen dürfen? Fürstlich entlohnt und gesellschaftlich hoch angesehen.

Vielleicht haben wir aber auch gar keine unabhängigen Intellektuellen mehr? Günter Grass schreibt nur noch seltsame Gedichte und ansonsten sind wir ja eh schon dazu übergegangen, uns die Welt von Richard David Precht erklären zu lassen. Armes Deutschland.

Wo ist eigentlich Georg Schramm?

Bild

Portimão

19 Jul

 

Und kommst Du dann nach Portimão, dann merkst Du, dass es dem Land nicht gut geht. Jeder zweite Laden steht leer, auf den sonnendurchfluteten Straßen Alte, Versehrte, Verwirrte. Obwohl die Stadt als touristisches Zentrum an der Algarve gilt, wirkt sie ausgebrannt und kraftlos. Weißbeschürzte Kellner auf den Straßen, verzweifelt auf der Suche nach Gästen, fächeln sich mit Speisekarten Luft zu. Am Hafen dümpeln ein paar Alibi-Jachten vor sich hin, alte Männer unterhalten sich leise beim Galão und blicken müde den properen Touristen-Familien aus dem Norden nach, die sich ihrerseits mühen, den gebrochenen Charme in diesen Straßen irgendwie anziehend zu finden. Und so wandern sie dann noch einige Zeit irritiert durch die halbtote Stadt, bevor sie wieder erholt zurückkehren in ihre Triple-A-Länder.

 

Video

Neue Perspektiven für die Ökonomie – Interview mit Robert Johnson

5 Jun

 

Am ersten Tag der Konferenz hing er etwas in den Seilen. Der Jetlag steckte ihm in den Knochen und er wirkte etwas zerknittert. Robert Johnson, der einflussreiche Direktor des Institute for New Economic Thinking (INET) in New York, war direkt aus den USA zur Ökonomie-Tagung von Stifterverband und Handelsblatt nach Frankfurt gekommen. Am zweiten Tag aber war er voll da. Da merkte man, was für ein energiereicher Mensch dieser ehemalige Hedgefonds- Manager ist, den die Finanzkrise zu einem energischen Kritiker des Systems gemacht hat, für das er einst selbst stand.

Er macht keinen Hehl daraus, auf welcher Seite er heute steht. Am Rande der Konferenz gab er dem Kollegen Timur Diehn ein grandioses Interview. „Im Kern“, sagte er darin, „geht es bei der Ökonomie um Politik und Macht. Und die Frage, die sich jeder Ökonom stellen muss ist: Welcher Macht will ich dienen: Dem allgemeinen gesellschaftlichen Wohl oder privaten finanziellen Interessen?“

In der Überfülle des Materials, das wir bei dieser Konferenz sammeln konnten – 15 Stunden Live-Stream-Footage, unzählige Experten-Interviews – hätten wir das großartige Johnson-Interview im Konferenz-Nachbereitungstrubel fast übersehen. Und das – wird mir heute beim nochmaligen Anschauen bewusst – wäre wirklich schade gewesen.

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